Für eine Öffnung

„Liebe Freunde. Ich erlaube mir hier, diesen Moment zu nützen. Für eine Öffnung. Hätt jetzt mal echt total gern, dass wir aus dem Loch da, eine Öffnung machen. Für ein offenes Land. Für eine offene Gesellschaft. Für ein offenes Reden. Denn es gäb noch viel zu sagen.“

Aus „Die Neigung des Peter Rosegger“ von Thomas Arzt
Im Schauspielhaus Graz arbeiten Menschen unterschiedlichster Herkunft, Nationalität, Sprache, Religion und Weltanschauung zusammen und miteinander. Gerade von dieser Diversität kann ein Team profitieren.

Mit Besorgnis nehmen wir aktuelle nationale und internationale Entwicklungen wahr: So kam es in letzter Zeit zu fremdenfeindlichen Übergriffen auf Darsteller*innen unseres Hauses. Diese Taten und die Ideologien, die dahinter stehen, lehnen wir ab.

Wir hoffen und wünschen uns, dass das Land in dem wir leben und arbeiten weiterhin von Menschlichkeit, Solidarität und Freiheit geprägt ist. Wir glauben, dass Angst, Hetze und Spaltung die falschen Kräfte sind, die eine Gesellschaft leiten. Wir entscheiden uns für die Zuversicht!

 

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SECONDHAND-ZEIT – INTERVIEW MIT REGISSEURIN ALIA LUQUE

Am 01. Dezember feiert das Stück „Secondhand-Zeit – Leben auf den Trümmern des Sozialismus“, basierend auf der gleichnamigen Buchvorlage von Literaturnobelpreisträgering Swetlana Alexijewitsch, Premiere in HAUS ZWEI! Mit ihrem Buch gibt sie ehemaligen Sowjet-Bürger*innen eine Stimme und lässt diese ihre Geschichte erzählen. Auf die Bühne gebracht werden ihre Geschichten von der spanischen Regisseurin Alia Luque – das Interview mit ihr zum Nachlesen:

   Was interessiert dich an den Romanen von Swetlana Alexijewitsch? Warum eignen sie sich für das Theater?

In allen ihren Büchern gibt Alexijewitsch Frauen und Männern, deren Geschichten meistens in den offiziellen Erzählungen eines Nationalstaates verloren gehen, eine Stimme. Sie entwirft einen alternativen Diskurs, in welchem das Persönliche und Private im Mittelpunkt stehen. Ihre „kollektiven Romane“, „Roman-Oratorien“ oder „epischen Chöre“ sind ein Versuch, sich an das wirkliche Leben anzunähern, jenseits einer historische Tradierung. Genau das eignet sich so gut für das Theater: dieses Konglomerat aus unterschiedlichen Stimmen und Bekenntnissen, Zeugnissen, Beweisen und Dokumenten – die Welt als Collage des Alltäglichen.

   „Secondhand-Zeit“ hat mehr als 500 Seiten. Wie viel davon konnte in die Fassung für deine Inszenierung einfließen? Nach welchen Kriterien hast du die Auswahl vorgenommen?

Wir haben den Fokus auf Texte über den Kollaps der UdSSR gerichtet und auch versucht, uns auf Russland zu konzentrieren, auf die Stimmen von Dutzenden von Zeugen zum Zusammenbruch der Sowjetunion, die das Verschwinden einer Kultur aufzeichnen.

   Was ist für dich die Conclusio aus den Geschichten dieser 20 Jahre, die Alexijewitsch gesammelt hat?

Es ist ein nüchternes Requiem für eine Zivilisation in Trümmern.

   Das Setting für deine Inszenierung sind die Olympischen Sommerspiele in Moskau 1980. Was hat es damit auf sich?

Die Olympischen Sommerspiele 1980 sind exemplarisch für die damalige Ost-West-Achse und die politische Misslage im Kalten Krieg. Nach dem Einmarsch sowjetischer Truppen in Afghanistan im Dezember 1979 verkündete US-Präsident Carter als Reaktion darauf einen Strafenkatalog, in dem neben verschiedenen Embargos ein Olympia-Boykott öffentlich erwogen wurde. Nachdem das IOC eine „Änderung des Schauplatzes der Olympischen Spiele“ strikt ablehnte, drohte Carter bei unveränderter sowjetischer Haltung einen weltweiten Teilnahmeboykott an, bei dem er gleichzeitig von den Bündnispartnern der USA Solidarität einforderte. Die Olympischen Spiele 1980 können daher als Paradebeispiel der politisierten Aufteilung der Welt in „wir, – die Guten“ und „die, – die Bösen“ angesehen werden.

   Was verbirgt sich hinter dem Titel „Secondhand-Zeit“?

Ich finde eher interessant, worauf er hinweist, nämlich, dass es keine neuen Ideale gibt, dass unsere Welt immer noch innerhalb des Diskurses der postkolonialen Zeit und des Wohlfahrtstaates agiert – zwischen französischer Revolution und den 68ern. Es wurden seither keine neuen Kategorien geschaffen, obwohl sich die heutige Welt durch Globalisierung, digitale Revolution usw. wesentlich von der Welt unterscheidet, in der ich Kind war.

   Inwiefern tangiert uns hier (bei uns) im Westen – deiner Meinung nach – die innere Entwicklung Russlands?

Wir haben uns auf die reflexartige Schlussfolgerung geeignet, dass der Kollaps der Sowjetunion der Beweis für die Unmöglichkeit sei, den Kommunismus sowohl als Wirtschafts- als auch Gesellschaftsform umzusetzen. Somit gilt als kausale Schlussfolgerung die umgekehrte These: Da die westlichen Staaten (noch) bestehen, müsse der Kapitalismus ein funktionierendes System sein.

Wir beobachten jedoch gerade, wie sich unser Sozialstaat immer mehr auflöst, wie der Kapitalismus immer mehr den totalen Markt aufbaut und bis in unser Privatestes vordringt. Der ideologische Wettbewerb mit der Sowjetunion hatte im Westen auch den Ausbau des Sozialsystems vorangetrieben. So wurden die Auswirkungen des Kapitalismus gelindert und gleichzeitig die „Bedrohung durch eine kommunistische Revolution“ entschärft. Seit dem Zerfall des Sowjetreiches erodieren die sozialen Strukturen für einkommensschwächere Menschen zunehmend, u. a. weil kein ideologischer Gegenentwurf den Kapitalismus infrage stellt.

Die Linke steckt in einer schweren Krise, die sich seit Jahren angebahnt hat. All das, worauf linkes Denken gründet, ist aus unserer Rhetorik verschwunden: Begriffe wie „Klassenkampf“, „soziale Determination“, „Ausbeutung der Arbeitskraft“. Diejenigen, die sich früher dem „stolzen Proletariat“ zugehörig fühlen konnten, werden heute individualisiert und als „sozial Benachteiligte“ bezeichnet. Auch ist keine „internationale Solidarität“ in Sicht. Das ist fatal, da sich dadurch die Vertreter der größten Gesellschaftsschicht zunehmend ohnmächtig fühlen, da ihnen die Identifikationsmöglichkeit mit einer starken handlungsfähigen Gemeinschaft fehlt. Die Negierung des Proletariats als politische Kraft ist der Nährboden für rechtes Gedankengut und Populismus.

Das sagen unsere jungen Nachwuchskritiker*innen zur „Romeo und Julia“ Premiere

Spot on Romeo und Julia von Elisabeth Mattausch

Shakespeares Romeo und Julia wird im Grazer Schauspielhaus in neuem (Neon-)Licht gezeigt.

Romeo und Julia gelten als das berühmteste Liebespaar der Weltliteratur. Das Drama ist schon in vielen Varianten literarisch verarbeitet worden, und neben zahlreichen Verfilmungen genießt das Werk auf der Bühne seit seiner Entstehung eine ungebrochene Popularität. Am Freitag, den 18. November, feierte Romeo und Julia unter der Regie von Lily Sykes im Schauspielhaus Graz (Haus Eins) Premiere.
Romeo und Julia spielt zu Beginn des 16. Jahrhunderts in der norditalienischen Stadt Verona und schildert die Geschichten eines jungen Liebespaars, das aus verfeindeten Familien stammt. Die seit langem andauernde Feindschaft zwischen den beiden Häusern erschwert ihre Liebe und treibt Romeo und Julia über unglückliche Zufälle und Missstände in den Selbstmord. Diese Tragödie führt in dessen Folge zur Versöhnung der Familien. Die mit Romeo und Julia verbundene Liebe und Leidenschaft wird zwar vermittelt, doch für Kitsch bleibt in dieser Inszenierung wenig Raum: Das Bühnenbild stellt einen Käfig aus einem Neonlicht-Gerüst bereit, in dem sich die gesamte Handlung abspielt. Weder das durch Neonröhren eher kühl beleuchtete Bühnenbild, die durch Pistolen ersetzten Degen, noch die Badewanne als Allzweckgegenstand heben die Stimmung in eine romantische, sinnliche Richtung. Die Versöhnung der Familien fehlt in dieser Darstellung und macht den Ausgang der Tragödie brutaler und schroffer. Umso beachtlicher ist die schauspielerische Leistung: Die englische Regisseurin Lily Sykes hat der Figur Julia durch die Besetzung mit Julia Gräfner, einer frischgebackenen Nestroy-Preisträgerin, eine schlagfertige und temperamentvolle Persönlichkeit gegeben. Raphael Muff als Romeo verkörpert einen eher naiven und eigensinnigen jungen Mann, wie schon Shakespeare ihn beschrieben hat. Aus Mercutio wurde eine Frau, Bruder Lorenz hat die Messdienerin Lorenzina zur Seite gestellt bekommen, die Amme tritt als sechsköpfiger Frauenchor auf und der Tod wandert als junges Mädchen in rotem Rock und Mohnblumen in der Hand umher. Die Sprache Shakespeares wurde im Großen und Ganzen unberührt gelassen, doch wer auf die klassische Balkonszene hofft, wird enttäuscht. Dennoch wird die Bühne durch all ihre technischen Tricks ausgenützt und erzeugt so einen leichten „Balkoneffekt“.

Sooft man dieses Stück auch schon gesehen haben mag, die Inszenierung des Schauspielhauses Graz ist auf jeden Fall einen Besuch wert. Das Drama wird auf raffinierte Art und Weise ins Hier und Jetzt gebracht, und der Wirklichkeit angepasst ermöglicht es eine neue und schnörkellose Sicht auf das berühmteste Liebespaar der Welt.

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Theaterrezension: Romeo und Julia von Florian Thausing

Die nun folgende Theaterrezension bezieht sich auf die Tragödie „Romeo und Julia“ von Shakespeare, welche am 18.11.2106 im Grazer Schauspielhaus, Halle 1 aufgeführt wurde.

Eine Aufführung der mehr als 4 Jahrhunderte alten Tragödie zwingt aufgrund seines Alters und der vielen Aufführungen, immer wieder zu einer neuartigen und originellen Idee um dem Publikum neues Altbewährtes zu liefern. Die britische Theaterregisseurin Lily Sykes wählte in diesem Fall eine sehr moderne, wenn nicht futuristische, Darbietung des Klassikers. Neonröhren statt Laternen, Disco statt Ball, und Handschusswaffe statt Rapier, scheinen hier Leitsprüche gewesen zu sein. Doch anders als das Bühnenbild vermittelt bleiben die Dialoge, neben dem gelegentlichen „Neee“, poetisch und erzeugen somit ein abstraktes Gesamtbild. Das dreistündige Stück wird von poetisch in die Länge gezogenen Dialoge begleitet welche selbst den teilweise erstklassigen Darbietungen einiger Schauspieler die Intensität raubt. Besonders in der zweiten Hälfte des Stückes, welche ohnehin weniger Handlung abdeckt, wird es schwer der Julia für mehr als 10 Minuten zu zuhören wie sie doch den Romeo vermisst. Musikalische Untermalung findet hauptsächlich im Hintergrund des Geschehens oder über den sechsköpfigen Frauenchor, welcher die Amme der Julia repräsentiert, statt. Die Musik blendet sich sehr gut in die Atmosphäre des Stückes ein und tragt zu dessen abstrakten Wesen bei. Das ganze Stück findet innerhalb einer Rahmenerzählung statt welche eine Erzählerin, die ebenso den Tod repräsentiert, geöffnet und geschlossen wird. Kann man machen, muss aber nicht sein da es zu Anfang für gewöhnlich das Geschehen entfremdet. Der energische Auftritt der Mercutio, gespielt von der überaus begnadeten Henriette Blumenau, zieht den Zuschauer jedoch schnell in den Bann. Sehr zu loben waren auch die Auftritte der Julia (Julia Gräfner), teilweise des Romeo (Raphael Muff), und des Capulet bzw. Lorenzo, beide sehr authentisch verkörpert von Franz Solar.

In Gesamtbetrachtung ist nur zu sagen „Weniger ist meist mehr“. Obgleich „Romeo und Julia“ eine Tragödie ist, wird aufgrund der ständigen Tragik und der überaus kurzen, freudigen Momente die Tragik der entscheidenden Momente untergraben. Theaterenthusiastikern ist das Stück weiterzuempfehlen. Für den gelegentlichen Theaterbesuch ist das jedoch nicht das richtige Stück.

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Kein Graben zu tief von Franka Jauk

Die neue, sehr frische und für einige sehr humorvolle Momente sorgende Inszenierung des ewigen Kulttheaterstückes „Romeo und Julia“ von William Shakespeare hat Freitagabend unter der Regie von Lily Sykes im Schauspielhaus Graz Premiere gefeiert: Julia Gräfner und Raphael Muff brillieren in den Rollen der Julia und des Romeos.

Die Bühne (Jelena Nagorni) wirkt karg und düster. Die Gerüste, die aufgebaut sind, laufen nach hinten zusammen. Das Gesamtbild scheint wie ein großer Käfig, der jedoch nicht stark genug ist, um der Liebe zweier junger Menschen entgegenzuhalten. Darum geht es auch im Stück: hauptsächlich um Liebe und die Hindernisse, die dieser in den Weg gestellt werden können. Auf der einen Seite die 14-jährige Julia mit ihrer kindlichen, jedoch sehr selbstbestimmten und misstrauischen Art, und auf der anderen Seite der junge Romeo, der sehr sprunghaft und etwas verwirrt ist, jedoch in Bezug auf Julia fest entschlossen ist, für diese Liebe zu kämpfen. Diese Eigenschaften verkörpern beide Darsteller sehr gut und authentisch. Auch die Capulets, die Eltern von Julia (gespielt von Franz Solar und Babett Arens), die außerdem den Franziskanermönch Lorenz und die Messdienerin Lorenzina verkörpern, überzeugen mit raschen Wechseln zwischen den verschiedenen Charakteren. Perfekt und mit hohem Erkennungswert umgesetzt wird die Amme Julias, die gleich von sechs Darstellerinnen als Gruppe dargestellt wird. Die ist nicht nur eine Verbindung zwischen Julia und Romeo und die einzige aus dem Hause Capulets, die von der Liebe zwischen Julia und Romeo weiß ­- auch die Musik (David Schwarz, Maren Kessler) des Stückes wird von den Ammen a cappella gesungen und findet direkt auf der Bühne statt. Dabei finden die schaurig-schönen Lieder genau den treffenden Ton für die Atmosphäre, die auf der Bühne herrscht und verstärken diese noch. Die Atmosphäre hat etwas ganz Besonderes, da es wenig Requisiten gibt und die Schauspieler die geschwollenen Texte sehr, sehr gut vortragen. Den Texten wird durch die feine und präzise Spielart so viel Leben eingehaucht, dass das Lebendige gar nicht mehr durch massenweise Requisiten und ein kitschiges Bühnenbild erzählt werden muss. So wird z.B. in dieser Inszenierung die berühmte Balkonszene nicht mit Balkon, sondern mit Bühnengraben dargestellt, von dessen Seiten sich Romeo und Julia mit viel Text und Flirt noch mehr annähern, was sehr gut wirkt. Leider zieht sich die Szene, in der Romeo Julia, scheinbar tot, in der Gruft anfindet und mit ihr spricht, sehr in die Länge, aber in Anbetracht der Tatsache, dass Shakespeare nicht den leichtesten Stoff geschrieben hat und dass der Rest des Stückes wirklich hervorragend (!) umgesetzt ist, kann man ruhig ein Auge zudrücken und dem Team für eine sehr gelungene Inszenierung einer gut bekannten Vorlage applaudieren.

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Badewanne statt Balkon von Iris Eichtinger

„Faul ist der Frieden, den der Morgen uns bringt.“ Etwas faul ist auch das Gefühl, das nach dem Besuch der Premiere von „Romeo und Julia“ im Schauspielhaus blieb. Extraordinär, aufregend, doch nicht ergreifend.

Seit Freitag, dem 18. November ist die gewagte Inszenierung des Klassikers William Shakespeares von Lily Sykes im Schauspielhaus zu bestaunen. Es ist ein Ping-Pong-Spiel zwischen Moderne und der Zeit Shakespeares, bei dem der Zuseher jedoch emotional eine Armlänge auf Abstand gehalten wird. Stahlkäfig, Neonröhren und Diskomucke. Willkommen im Verona des 16. Jahrhunderts. Mit dem ersten Blick wird klar, dass Neues auf den Theaterbesucher wartet und das in jeder Hinsicht. Weg mit dem schweren, alten, schnörkeligen Liebesdrama, die hier geschaffene Stimmung ist neuartig, frech, pfiffig. Langatmige textliche Ausschweifungen, werden durch moderne, teils schon vulgäre Sprache ersetzt. So wird anstelle von verdeckten Schmähungen, von Ausdrücken wie „Hurensohn“ und „Volltrottel“ Gebrauch gemacht, was dem Publikum weitaus mehr als ein Lächeln entlockt. Unterhaltend ja, doch die starke, hingebungsvolle Liebe zwischen Romeo und Julia, den jungen Mitgliedern der verfeindeten Häuser Capulet und Montague ist nicht greifbar. Der Grund dafür liegt weniger in der schauspielerischen Leistung, sondern viel mehr in der Abstraktheit, die durch die Vermischung von heute und damals im Text, sowie auf der Bühne geschaffen wird. Das Bühnenbild ist karg und düster, ein Korridor zum Tod. Es wird mit diversen Lichteffekten gespielt, mit Taschenlampen und Neonröhren. Rot, die Farbe der Liebe, ist die einzige Farbe, die auf der Bühne Verwendung findet, etwa als „Rosenbeet“ oder als Lichtspiel hinter den Darstellern. Wunderbar werden Schiebe- und Drehelemente eingesetzt, beispielsweise als Schlucht aus Nebel zwischen Romeo und Julia. Einzig das Symbol der allgegenwärtigen Badewanne bleibt ein Rätsel. Julia, gespielt von der Nestroy-Preisträgerin Julia Gräfner wirkt authentisch als starke, manchmal nahezu derbe Persönlichkeit, während Raphael Muff als Romeo in seiner Darbietung durch dauernden Wechsel zwischen Womanizer und liebestollen Verehrer eher unausgewogene Charakterzüge zeigt. Durch tolle Bühneneffekte und den Einfluss von moderner Sprache wurde dem Stück der Geist der heutigen Zeit eingehaucht, wodurch allerdings die Intensität der hingebungsvollen Liebe und Chemie zwischen den beiden Protagonisten geschmälert wurde. Was bleibt ist ein unterhaltsames Stück, dem allerdings der Tiefgang, der Kern des Dramas, die eigentliche Liebesgeschichte abhandengekommen ist.

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Mit Schwarz und Weiß durch den Abend von Jakob Tersanski

Mehrfach wurde schon versucht Romeo und Julia auf die Bühne zu bringen, nun endlich gelang es auch dem Schauspielhaus Graz. Letzen Freitag, feierte das Stück, unter der Leitung von Lily Sykes, erfolgreich Premiere. Romeo und Julia eine Liebesgeschichte, wie es sie nur einmal gibt. Im 400. Todesjahr des Verfassers William Shakespeare wird nun, zum zweiten Mal in diesem Jahr, im Grazer Schauspielhaus im Haus Eins, eines seiner Werke aufgeführt. Mit der Premiere von „Romeo und Julia“ letzten Freitag bringt die ebenfalls aus England stammende Regisseurin Lily Sykes eine der berühmtesten Liebesgeschichten, die die Welt je gesehen hat, auf die Bühne. Nach „Cactus Land“ beweist sie nun zum zweiten Mal ihr können. Mit von der Partie waren unteranderem in den beiden Hauptrollen zu sehen, die Nestroypreis Gewinnerin Julia Gräfner und der ebenfalls nicht unbekannte Schweizer Schauspieler Raphael Muff. Als Vorlage wurde die Übersetzung von Frank-Patrick Steckel verwendet. Die jeweils einzigen Kinder der mächtigsten Familien Veronas, Romeo Montague und Julia Capulet, verlieben sich Hals über Kopf in einander. Doch die Feindschaft der beiden Familien erschwert es den jungen Liebenden. Dennoch schaffen sie es, sich von Pater Lorenzo im Geheimen trauen zu lassen. Schlussendlich begeht Romeo Selbstmord, da er denkt dass Julia tot sei. Diese jedoch durch eine Mixtur in tiefen Schlaf versunken, wacht wieder auf und nimmt sich, sobald sie die Leiche Romeos sieht, sofort das Leben. Schwarz und weiß, das sind die zwei Farben die das Stück in ihrer Form durch die Nacht von Freitag auf Samstag trugen. Auch kam wohl der wichtigste Teil des Stückes, neben Julia Gräfner und Raphael Muff, dem Neonlicht zu, das dem ansonsten kargen Bühnenbild den letzen Schliff gab. Eine Badewanne wurde clever zur Mehrzweck-Requisite umfunktioniert und passte durch ihre Kuriosität perfekt dazu. Diese stimmige Landschaft ermöglichte es dem Publikum dem Text zu folgen und ihn zu verstehen. Das dezente Einsetzten von Farbe machte es den Augen eine Spur angenehmer und den Ersteindruck nicht zu düster. Allerdings war dies schon unmöglich, da Julia Gräfner mitspielte. Die Protagonistin folgte den Anweisungen ihrer Regisseurin und machte aus einer der bekannteste Tragödien beinahe schon spielerisch einfach eine Tragikomödie. Sie spielte ihre Rolle als junge, kindliche und doch schon beinahe erwachsene, emanzipierte Julia so, wie es für eine frisch gebackene Nestroy-Preisträgerin gehört und brachte das Publikum in einem der wohl herzzerreißendsten Werke zum Lachen. Doch auch der junge, zunächst sprunghafte Romeo, Raphael Muff, steht ihr um nichts nach und stellt die blinde, bedingungslose Liebe perfekt da. Vermutlich sagt der minutenlang tosende Applaus des Publikums mehr aus, als es möglich ist es in Worte zu fassen, somit ist diese Inszenierung einfach ein Pflichttermin für jeden Theaterbegeisterten in Graz.

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Die Welt zwischen Shakespeare und Sykes von Julia Leopold

Die Premiere einer Neuauflage von „Romeo und Julia“  lief am Freitag im Schauspielhaus Graz über die Bühne. Durch Lichteffekte modernisiert, jedoch stets auf dem Handlungsgerüst basierend, wird die alte Tragödie neu aufgegriffen. Zu Beginn des Stückes wird sofort darauf hingewiesen, dass man keinesfalls eine Lehre aus diesem Stück ziehen müsse. Romeo und Julia – jeder kennt ihre scheinbar perfekte Liebe, die Problematik ihrer verfeindenden Familien und ihr tragisches Sterben. Während Julia, gespielt von Julia Gräfner, schwarz gekleidet, die Moderne verkörpert, bleibt Raphael Muff als Romeo in weiß beständig in der Renaissance. Die Amme, welche engelsgleich dargestellt werden, bringen durch ihr Singen Emotionen noch klarer zum Vorschein. Die Kostüme der anderen Darsteller bleiben farblich unverständlich und scheinbar fast frei gewählt, da es keine sichtbare Erklärung dafür gibt. Das Bühnenbild besteht aus einem Metallgerüst, welches durch seine integrierten Neonröhren für mehr Aufregung sorgt. Durch diese Lichteffekte werden Gefühle wie Angst und Freude gut unterstrichen. Außer einem Blumengarten und einer Badewanne, als Zufluchtsort ihrer Liebe, gibt es keine genauen Andeutungen auf einen Ortswechsel, dies führt zwischendurch zu kleinen Verwirrungen. Die eingesetzten Waffen erschrecken das Publikum mehr, als es zu begeistern. Neben dem Ammengesang werden auch Playbacks und Geräusche eingespielt. Die Vogelstimmen beim Erwachen Romeos und Julias klingen künstlich und daher unpassend. Der von der britischen Regisseurin Lily Sykes neu aufgefasste Text, amüsiert das Publikum an manchen Passagen. Der Fokus auf die Schauspieler ist meist sehr gut gewählt. Die Spannungen werden zwar langsam – jedoch genau lang genug aufgebaut, wodurch keine zu großen Lücken entstehen. Die Hauptdarsteller sind mit voller Leidenschaft dabei und verkörpern die Handlung glaubhaft; allen voran Julia Gräfner als lebhafte, freche und taff 14-Jährige. Raphael Muff begeistert als abenteuerlustiger und liebenswürdiger Romeo. Henriette Blumenau verkörpert Romeos Freund Mercutio und meistert diese Herausforderung mit Bravour. Johanna Marauschek repräsentiert als junges Mädchen sowohl Anfang und Ende des Schauspiels als auch den Tod in der Geschichte.

Durch diese moderne Neuinszenierung anlässlich des  400. Todestages von Shakespeare wird es auch  jungem Publikum schmackhaft gemacht.

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Es ist nicht das Tageslicht, es ist ein Meteor? von Laura Battisti

Shakespeares Romeo und Julia nun endlich auch im Grazer Schauspiel Haus. Im Haus Eins kann man seit 18.11 das Theaterstück auf eine unkonventionelle Art und Weise erleben.
Romeo und Julia, ein Theaterstück, welches immer wieder Einzug in die Theaterwelt findet. Anlässlich William Shakespeares 400. Todestages inszenierte die Engländerin Lily Skyes das Stück völlig neu, doch ob es Shakespeare gefallen würde, ist die andere Frage. Der Klassiker wurde völlig auf den Kopf gestellt. Die Sprache wurde mit neumodischen, teilweise vulgären Ausdrücken, wie du „Hurensohn“ versehen. Das hat zwar einen durchaus voyeuristischen Effekt und Lacher sind nicht zu unterdrücken, doch dadurch ist das Gefühl der unsterblichen Liebe zwischen Romeo und Julia beeinträchtigt. Romeo, gespielt von Raphael Muff, wird als typischer „Fuckboy“ dargestellt. Er gibt sich vor seinen Freunden anders als vor seiner geliebten Julia und scheint narzisstisch in seinem Tun und Handeln zu sein. Die Geschichte vom Drama ist zwar im Großen und Ganzen gleich geblieben, doch trotzdem wurden einige Szenen gekürzt und auch das wohl berühmteste Zitat „Es war die Nachtigall, und nicht die Lerche“, wird zu „Es ist nicht das Tageslicht, es ist ein Meteor“, einem äußerst obskuren Wortgebilde. An Mercutio, dem Freund von Romeo, wurden auch einige feine Modifikationen vorgenommen wie beispielsweise eine Geschlechtsumwandlung. Julia Gräfner, das derzeitige Nachwuchstalent der Schauspielszene, macht ihren Job großartig. Sie schafft es, obwohl Julia etwas fragwürdig dargestellt wird, die Rolle authentisch zu vermitteln. Die kindliche, verspielte, sowie auch die ernste und verliebte Julia. Das Bühnenbild ist zwar karg, aber trotzdem sehr innovativ und die Schauspieler und Schauspielerinnen gehen äußerst gut damit um. Requisiten sind eher wenige im Einsatz. Als stetiges Begleitrequisit wird eine Badewanne benutzt, bei der sich niemand sicher ist, wofür genau sie stehen soll. Romeo und Julia ist sehr banal inszeniert worden. Die eigentliche Bedeutung des Stückes wurde völlig verfremdet. Anstatt von Liebe und Rivalität geht es um eine Übersexualisierung von Sprache und Tätigkeiten. Die schauspielerischen Leistungen waren äußerst überzeugend, doch nur aufgrund dieser ist das Stück noch lange kein Gelungenes.

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Wo der Tod lauert … von Natalie Kukovetz

… eine Version von Romeo und Julia wo der Tod omnipräsent ist durch ein Mädchen mit roten Rock und Mohnblumen.

Romeo und Julia, die tragische Liebesgeschichte von William Shakespeare, ist eine zwar zeitlose aber auch klischeehafte Liebesgeschichte die bereits fast jeder kennt. Das macht es natürlich schwer die Zuschauer zu fesseln. Regisseurin Lily Sykes hat das mit ihrer Version des Stückes ganz gut hinbekommen, die im Grazer Schauspielhaus am 18.11 Premiere hatte. Sykes setzt eher auf eine originelle und moderne Darstellung. Der Text besteht aus einer Mischung von Versen und heutiger Sprache. Julia Gräfner, die ihre Namensvetterin Julia spielt, spielt sie nicht traditionell. Man merkt Julia ihr zartes Alter an und dass sie einen inneren Kampf führt zwischen ihrer Liebe zu Romeo und ihrer Familie. Sie ist einerseits wankelmütig, doch sehr selbstsicher und hat andererseits Zweifel, wie man in der Szene in der sie das Gift einnimmt erkennt. Auch Raphael Muff lieferte eine souveräne Darstellung von Romeo ab, besonders bei den Stellen wo er mit seinem Cousin und Mercrutio unterwegs war. Leider waren bestimmt Schlüsselstellen der Handlung nicht so überzeugend, wie der erste Kuss zwischen Romeo und Julia. Man hatte nicht das Gefühl, dass eine große Liebe dahintersteckt für die man Sterben würde. Vor allem der Schuss, wo Romeo und Julia sterben, war leider eine Enttäuschung. Die Gefühle der beiden Charaktere kamen nicht beim Zuschauer an. Generell hatten die Schauspieler eine bessere Bühnenpräsenz, wenn sie einzeln auf der Bühne waren, als, als Paar. Auch eine gute Leistung lieferte Henriette Blumenau mit ihrer Darstellung von Mercutio, Romeos Freund. Mit dem Charme dieser Figur fesselt Mercutio die Zuschauer in ihren Monologen und bringt Witz in die Handlung. So war es nicht schwer, mit Romeo mitzufühlen, als Mercurio starb. Auch auf die Verbindung zwischen Julia und Tybald wird ein Fokus gelegt, sodass man nachvollziehen kann wieso Julia so trauert. Was allerdings sehr verwirrend war, war die Tatsache, dass der Bote der Romeo die Nachricht von Julias Plan übermitteln sollte und Romeos Cousin der ihm erzählt das Julia tot ist, von dem gleichen Schauspieler gespielt wurde. Durch einen Kostümwechsel oder eine erkennbare andere Stimme wäre es nicht so verwirrend gewesen. Neben den Darstellern möchte ich auch kurz zum Bühnenbild kommen, das sehr karge war und an einen Käfig erinnerte, der die Toten von den Lebenden trennt. Im Käfig war das Licht bzw. es waren an den Metallstreben Lichtröhren befestigt, sodass teilweiße faszinierende Lichteffekte erzeugt wurden. Außerhalb des Käfigs war es dunkel und die gestorbenen Figuren so wie der Tod lauerten dort.

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Weniger ist mehr! von Tina Schradenecker

„Romeo und Julia“ – Eine Liebesgeschichte, welche schon viele Jahre auf dem Rücken hat und trotzdem die Menschheit noch immer fasziniert und mitnimmt. Auch das Schauspielhaus Graz hat sich an dieses Stück herangetraut und feierte unter der Leitung von Lily Sykes am Freitag, dem 18.11.2016 im Haus Eins, Premiere.

Julia, gespielt von Julia Gräfner, eine impulsive und entschlossene aber gleichzeitig kindliche junge Frau und Romeo, ein junger Mann, der bereit ist für die Liebe, gespielt von Raphael Muff, finden in jeweils dem anderen, den Traum von Partner. Doch da beide aus verfeindeten Familien stammen, wird ihnen das Zusammenleben nicht leichtgemacht und erst der Tod beider vereint sie. Lily Sykes bringt mit ihrer Inszenierung eine außergewöhnliche Version von „Romeo und Julia“ ins Theater, präsentiert, die jahrhundertealte Liebesgeschichte, auf eine ganz eigene und besondere Art und Weise und regt das Publikum zum Denken an. Denn wer glaubt, „Romeo und Julia“ gehört zu pompöser Kleidung und romantischer Kulisse, wie Shakespeare zum Theater, wird bei dieser Inszenierung eines Besseren belehrt. Das Stück spielt auf einer eher kahlen Bühne und lässt dem Zuschauer daher sehr viel Interpretationsfreiraum. Auch die Hauptdarsteller sind nicht mit imposanten Kostümen bekleidet, sondern eher schlicht und minimalistisch, Julia ganz in schwarz und Romeo in weiß, was einem gleich zu Beginn zu rätseln beginnen lässt, was wohl die Absicht dieser Entscheidung war. Weiteres wird einem die Möglichkeit genommen von Requisiten oder dergleichen abgelenkt zu werden. Was zur Folge hat, das Text, sowie einzelnen Szenen und Gefühle offen daliegen und eindringlicher auf den Zuseher wirken. Obendrein können auch schauspielerische Leistungen sich nicht hinter Kostüm und Bühnenbild verstecken und demzufolge wird der Text, selbstbewusst und auf den Punkt gebracht, vermittelt. Einzig und allein mit der Lichtinszenierung versucht man, die Augen des Publikums immer wieder zur Bühne zu lenken und auch mit lauten Pistolenschüssen hofft man die Aufmerksamkeit der Zusehenden wiederzubekommen, da man schon sehr viel Konzentration aufbringen muss um zwei dreiviertel Stunden immer bei Sache zu bleiben. Wer jedoch Zeit und Lust hat, sich auf ein etwas anderes, moderneres und oftmals auch unterhaltsames „Romeo und Julia“ einzulassen, sollte die Gelegenheit im Schauspielhaus Graz auf jeden Fall nicht verpassen.

GESPRÄCH MIT „DER MONDMANN“-REGISSEUR MATHIAS SCHÖNSEE

Du verbindest das Schauspiel gerne mit anderen performativen Künsten, hast in der vergangenen Spielzeit die Verbrecherballade „Johnny Breitwieser“ in Graz inszeniert und auch „Der Mondmann“ ist ein Theaterstück mit Musik – was reizt dich an diesem Brückenschlag zwischen den Künsten?

Zunächst ist das sehr persönlich, weil ich Musik liebe und das Theater auch. Ich möchte die emotionale Wucht der Musik mit vertieftem Schauspiel verbinden. Das ist etwas, das es als Genre kaum gibt. Es gibt das Musical, das eine etwas spezielle Musikrichtung bevorzugt und in den allermeisten Fällen für die Schauspieler keine wirklich interessante Herausforderung darstellt. Die Spielszenen sind im Musical eher einfach gehalten, oft boulevardesk. Dann gibt es als Alternative noch das epische Theater von Brecht. Das ist ein sehr konzeptionelles Theater, das überwiegend aus dem Kopf kommt. Ich suche die Kombination aus einer starken, welthaltigen Geschichte mit komplexen Figuren und natürlich mit Musik.

Und jenseits der interessanten neuen Form, mit welcher Intention gehst du in eine Inszenierung? Was möchtest du beim Publikum bewirken oder auch entfachen?

Idealerweise möchte ich die Menschen zu mehr Freiheit ermutigen. Und zwar durch das sinnliche Erlebnis, das sie im Theater haben. Theater kann die Welt nicht verändern, aber es kann die Sicht des Menschen auf die Welt verändern. Wenn jemand am Montag nach einem Theaterbesuch ins Büro geht und denkt: „Ich mache das heute mal ein bisschen anders. Ich versuche, den Menschen anders zu begegnen. Ich versuche, ehrlicher zu sein und mehr zu mir zu stehen …“ wenn jemand so aus dem Theater kommt, dann finde ich, hat Theater alles erreicht, was es erreichen kann.

Dazu fällt mir ein Satz ein, den ich von dir gelesen habe: „Theater ist in allererster Linie Menschenkunde“ …

Ja, das stimmt. Es ist schwer, im Theater die großen, globalen Zusammenhänge darzustellen, die Verstrickungen zwischen großen Produktionsstätten in Bangladesch und dem Turbo-Kapitalismus in London. Was Theater aber kann, ist, die Menschen zu zeigen und in den Menschen die großen Zusammenhänge zu spiegeln. Indem ich den Menschen erkunde, spiegle ich zugleich unsere Welt auf der Bühne. Und das ist etwas, das Theater kann wie kein anderes Medium. Weil nirgendwo sonst eine so vertiefte Sicht auf Menschen möglich ist.

Und die Figur des Mondmanns? Die Menschen sehen ja gerne zu ihm hinauf, sie genießen sein Licht und sprechen mit ihm vor dem zu Bett gehen. Sobald der Mondmann aber auf der Erde ankommt, wird er zur Bedrohung. Ein Sinnbild?

Es geht im Buch von Tomi Ungerer um die Einsamkeit der Menschen auf diesem Felsen im All, auf dem wir alle treiben. Es geht aber auch um die Versuche, diese Einsamkeit mit etwas Glück auszufüllen. Der Mondmann ist auf seinem Mond sehr einsam und wirft dieses wundervolle Licht auf die Erde. Das mögen die Menschen. Aber als der Mondmann ihnen zu nahe kommt, wird er vielen unangenehm. Ein bisschen wie ein Künstler, oder? Es ist ja diese merkwürdige Ambivalenz, dass Künstler verehrt werden, aber als Person nur sehr schwer Kontakt zum Rest der Menschheit bekommen – auch weil sie Schmerzensträger sind in einer Gesellschaft, die der Fröhlichkeit huldigt.

Theater stellt ja gerne aktuelle, kritische Bezüge her. Gibt es einen gegenwärtigen Fingerzeig im Mondmann? Vielmehr, gibst du dem aktuell Politischen generell einen Stellenwert in deinen Inszenierungen?

Da kommt ein Mondmann auf die Erde und die Menschen reagieren sehr unterschiedlich. Manche freuen sich, dieses fremde Wesen kennenzulernen, andere haben aber auch Angst davor. Ein machtorientierter Politiker versucht, die Ankunft des fremden Mondmannes zu instrumentalisieren, dem Volk Angst zu machen und seine politischen Interessen durchzusetzen. Das ist aktuell so in ganz Europa erfahrbar.
Trotzdem interessiert mich in meinem Stück tatsächlich mehr die überzeitlich-menschliche Ebene. Aktuelle politische Bezüge sind für meine Arbeit nicht so wichtig. Sie ergeben sich von selbst, aber für mich ist das Theater ein Ort, um das überzeitlich Gültige zu suchen. Es geht dabei um eine Dimension jenseits der faktischen Sprache, mit der wir uns über Politik und aktuelle Anlässe verständigen.

Also auch um eine gewisse emotionale und intuitive Ebene …

Absolut, es geht vor allem auch um das, was nicht sagbar ist. Nicht sagbar mit den Worten, die wir kennen. Kunst ist ein Ringen darum, die Grenzen des Sagbaren zu erweitern. Bewusstseinsgewinnung. Die Sprache der Kunst sagt etwas anderes als die Worte bedeuten. Kafka hat mal gesagt „Quer durch die Worte fallen Reste von Licht“. Und um dieses Licht geht es mir.

„Der Mondmann“ in der Regie von Mathias Schönsee ist aktuell zu sehen in HAUS EINS. Hier mehr.

„ROMEO UND JULIA“ VERZAUBERT UND BERÜHRT

Das sagt die Presse zu „Romeo und Julia“ im Schauspielhaus …

„Sykes‘ schnörkellose, düstere Inszenierung hat mit Julia Gräfner eine frisch gebackene Nestroy-Preisträgerin als starke Julia; ebenso packend ist aber auch Raphael Muff als „Romeo“. (www.steiermark.orf.at, 18. November 2016)

„Shakespeares Romeo und Julia am Grazer Schauspielhaus übertrifft sämtliche Erwartungen. […] Die berühmteste Liebesgeschichte der Welt vermag noch immer zum Lachen zu bringen und zu Tränen zu rühren – wenn sie so inszeniert wird wie von Lily Sykes und gespielt von einem großartigen Ensemble. Wer, wenn nicht Julia Gräfner sollte die Julia sein? Bereits in der letzten Saison brillierte sie in einem Stück von Shakespeare (und nicht nur) dort: als Caliban im Sturm. Für diese Leistung erhielt sie den Nestroypreis 2016, und sie gilt als großes Nachwuchstalent. Nun also Julia Capulet – und was für eine Julia! […] Gräfner spielt sie so, wie ein 14-jähriges, unsterblich verliebtes Mädchen eben ist: aus dem Häuschen, rastlos, schwärmend. Vor Sehnsucht und Ungeduld wälzt sie sich am Boden, rauft sich die Haare und zerbricht sich den Kopf, seufzt, kann nicht stillsitzen und vermittelt mit diesem höchst authentischen Verhalten große Gefühle […] Raphael Muff ist ein wundervoller, liebender Romeo. […] Temperamentvoll und energiegeladen sind Benvolio (Nico Link), Mercutio (Henriette Blumenau) und Tybalt (Clemens Maria Riegler), Franz Solar spielt den hartherzigen Graf Capulet. […] kaum Kulissen, aber Tricks wie Falltüren und Hebebühnen, die dem Spiel zusätzliche Dynamik verleihen. Schwarz und weiß, Licht und Dunkelheit sind die wichtigsten und sehr wirkungsvollen Gestaltungsmittel. Außerdem bleibt so genug Raum für den Text, der zu den schönsten der Weltliteratur zählt, und für die Schauspieler, die diese Geschichte in einer Weise präsentieren, die den langen Applaus mehr als verdient hat.“ (kultrefgraz.wordpress.com, 19. November 2016)

„Gräfner hat […] einen schönen, satten, melodischen Ton und einige köstliche Momente als mürrisch-aufmüpfige Pubertierende […] Clemens Maria Riegler bezaubert mit wahrhaftiger Verzweiflung über den Verlust Julias, seiner Gespielin aus Kindertagen […] Franz Solar überzeugt als kantig-weiser Pfarrer […] Noch toller ist Solar als alter Capulet“ (Barbara Petsch, Die Presse, 21. November 2016)

„Abgespeckt präsentiert sich das Original, im Gegenzug aber mit fast unbändiger Spielfreude angereichert mit surrealen Elementen, Lichtspielen und Musik. So wird denn auch die Bühne dominiert durch Stahlgerüste, eine Badewanne dient als Vielzweck-Gebrauchsmöbel, das auch als Alternativmodell für Balkonszenen gute Figur macht. […] Julia Gräfner als Julia steht temperamentvoll, frech, schlagfertig und emanzipiert im Hier und Jetzt“ (Werner Krause, Kleine Zeitung Nachtkritik, 19. November 2016)

„‚Romeo und Julia‘ im Schauspielhaus Graz. Unkonventionell und originell […] Symbolreich aufbereitet durch etliche Metallstreben, auf der Bühne in strenger, raffinierter Geometrie angeordnet, mit etlichen Neonleuchten angereichert, ideal also für zahlreiche Lichteffekte. […] Souverän, markant und nicht nur sprachlich absolut trittsicher gespielt von Henriette Blumenau, die zu einer dominanten Figur in dieser Zeitreise durch die Jahrhunderte wird […] Julia Gräfner spielt die Julia […] Dass sie weitaus mehr als eine Wortakrobatin ist, beweist sie erneut eindrucksvoll.“ (Werner Krause, Kleine Zeitung, 20. November 2016)

„Dass sie aus Romeos bestem Freund Mercutio eine attraktive Frau macht, verleiht den Konstellationen zusätzlich Spannung. Dieses Aufeinanderprallen von Menschen, die nach Liebe gieren, setzt Sykes gemeinsam mit Bühnenbildnerin Jelena Nagorni in einen […] sehr eindringlichen Raum […] Die Kostüme (Lena Schmid) von Romeo und Julia unterstreichen diesen Schwarzweiß-Effekt, umso prächtiger die bunten Gewänder der Nebenrollen.“ (Michaela Reichart, Kronen Zeitung, 20. November 2016)

„Man wartet auf Julia, und sie kommt in Gestalt der vielversprechenden Julia Gräfner […] Ihre Julia ist ein rotzfreches Mädchen, das man ihr abnimmt.“ (Colette M. Schmidt, Der Standard, 21. November 2016)

„Nico Link (Benvolio) und Henriette Blumenau (Mercutio) sind ein wildes, kämpfendes und küssendes Gespann […] Franz Solar (Capulet/Lorenzo) ist in beiden Rollen ein starker Typ. Babett Arens ist eine überzeugende Lady Capulet und eine […] liebenswerte Lorenzina.“ (www.tt.com, APA, 19. November 2016)

„HEIMAT BEI ROSEGGER UND HEUTE“

Podiumsdiskussion am 1. Dezember im Anschluss an die (vorerst) letzte Vorstellung von „Die Neigung des Peter Rosegger“ (ca. 21.00 Uhr), SALON, 1. RANG

Heimat emotionalisiert. Heimat politisiert. Heimat spaltet. Rund um das Theaterstück „Die Neigung des Peter Rosegger“, in dem fanatische Heimatliebe zu einer bedrohlichen Schieflage führt, öffnet sich das Schauspielhaus Graz für eine ambivalente Diskussion – kurz vor der Präsidentschaftswahl, die den Heimatbegriff von linker und rechter politischer Seite umkämpft. Es gilt auszuloten, was es denn heute bedeutet, beheimatet zu sein. Wo Selbstschutz endet und Verblendung beginnt. Wofür der Heimatbegriff alles geradestehen muss. Und ob denn tatsächlich in Gefahr ist, was wir als Heimat bezeichnen.

MIT Thomas Arzt (Autor), Christa Zöchling (Journalistin Profil Und Autorin), Dr. Wolfgang Hölzl (Rosegger-Experte, Geschäftsführer Leykam Buchverlagsgesellschaft) u.a.

Zum Stück:

Eine Kleinstadt in der österreichischen Provinz ist in Aufruhr. Die Statue des Heimatdichters Peter Rosegger, das Prunkstück der Gemeinde, neigt sich neuerdings immer mehr seitwärts. Und obwohl die Vorstadtbewohner das nahende Unheil nicht wahrhaben wollen, wird bald klar: Irgendetwas liegt im Argen und der Vorzeigebürger Wiesinger steckt mittendrin.

Mit dem Schauspielhaus ins neue Jahr!

Das Schauspielhaus lässt die Korken knallen …

Am letzten Abend des Jahres 2016 erwartet Sie ein besonderes Programm im Schauspielhaus Graz!
Auch heuer rutschen wir wieder gemeinsam mit Gästen, Freundinnen und Freunden ins neue Jahr: In HAUS EINS wird Nikolaj Gogols Stück „Der Revisor“ in einer Doppelvorstellung zu sehen sein. HAUS ZWEI verabschiedet das alte Jahr mit der Komödie „Yellow Line“.

DOPPELVORSTELLUNG „Der Revisor“ am
31. Dezember, 16.00 und 20.30 Uhr, HAUS EINS
€ 6 bis € 58 (16.00 Uhr) und € 9,50 bis € 70 (20.30 Uhr)

VORSTELLUNG „Yellow Line“ am
31. Dezember, 20.00 Uhr, HAUS ZWEI

€ 22 / € 11 (erm.), inkl. ein Glas Sekt für alle Besucher*innen im Anschluss an die Vorstellung in der Kantine!

Das Schauspielhaus HALBZEIT-ABO

Alle Jahre wieder … ist plötzlich Weihnachten!

Wenn auch Sie noch auf der Suche nach einem Weihnachtsgeschenk sind, hat das Schauspielhaus Graz die perfekte Idee: Das Halbzeit-Abo umfasst alle Frühjahrs-Inszenierungen in HAUS EINS!

Mit mindestens 25 % Ersparnis gegenüber dem regulären Kartenpreis ist es in den Preiskategorien I bis V erhältlich und kostet von € 14 bis € 117 für insgesamt 4 Produktionen zwischen Jänner und Juni 2017. Die vier Schecks gelten jeweils für eine Inszenierung und können an einem Wunschtermin eingelöst werden (ausgenommen Premieren).

Sie wählen aus: Sandy Lopičićs „Redaktionsschluss!“, „Die Wunderübung“ von Daniel Glattauer mit Johannes Silberschneider, Margarethe Tiesel und Franz Solar, „Der Auftrag: Dantons Tod“ mit Puppen von Michael Pietsch und Nestroys „Der Talisman“ mit Couplets von Ferdinand Schmalz.

Preise: € 117 / € 95 / € 74 / € 46 / € 28
Ermäßigt: € 58,5 / € 47,5 / € 37 / € 23 / € 14

Auch Träumer irren sich

Shakespeares Klassiker „Romeo und Julia“ ist die wohl berühmteste Liebesgeschichte, die je für die Bühne geschrieben wurde. Am kommenden Freitag (18. November) hat der Klassiker in der Regie von Lily Sykes Premiere in HAUS EINS.

Seit seiner Uraufführung  Ende des 16. Jahrhunderts hat Shakespeares frühes Meisterwerk in unzähligen Inszenierungen das Publikum in seinen Bann gezogen, unterhalten und zu Tränen gerührt.

Das Stück – im 400. Todesjahr Shakespeares von seiner Landsfrau Lily Sykes in Graz inszeniert – hat bis heute an Aktualität nichts eingebüßt: „Nach außen mag die heutige Welt anders aussehen, aber die Themen Liebe und Beziehung sind so wichtig wie eh und je. Ich glaube nicht, dass die Figuren in ‚Romeo und Julia‘ sich so sehr von den Menschen von heute unterscheiden. Sie sind genauso einsam wie wir es sind.“

Liebe, Kontrollverlust und Irrationalität

Im Jahr von „Brexit“ und unorthodoxen Wahlverläufen rücken für die Regisseurin auch in ihrer Inszenierung Entscheidungen und Muster in den Fokus, die sich der menschlichen Kontrolle entziehen. „Mich interessiert der Gedanke, dass es auch in unserer Welt Dinge gibt, die größer als wir selbst sind. 2016 scheint das Jahr zu sein, in dem alles außer Kontrolle gerät“, so Sykes.

Auch das Phänomen des Irrationalen ist Sykes zufolge eine zentrale Idee des Stücks: „Man liebt nicht aus guten Gründen“ bemerkte schon Philosoph Marcus Steinweg. Die Regisseurin dazu: „Die Liebesgeschichte von Romeo und Julia steht für eine Geschichte darüber, einen anderen Menschen so zu lieben wie er ist; und nicht, weil er klug oder attraktiv ist, den gleichen Namen wie man selbst trägt oder gar eine hohe Übereinstimmung auf einer Dating-Seite erzielt hat. Liebe als Zufall, unerklärlich, irrational, blind!“

Aber was ist es nun, das Geheimnis, das dafür sorgt, dass seit über vier Jahrhunderten die beiden Protagonisten ein unverwüstliches Idealbild romantischer Liebe verkörpern? „Der Gedanke, dass die Liebe im Stande ist, den Tod zu überwinden, kann für Menschen, die in einem säkularen Zeitalter wie dem unseren leben, sehr mächtig werden. Die Liebe könnte das Einzige sein, an das wir noch glauben können und wollen.“