Claudia Bossard im Gespräch

GESPRÄCH MIT CLAUDIA BOSSARD
REGISSEURIN VON „DER GUTE GOTT VON MANHATTAN“

Was waren die entscheidenden Themen und Bilder, die „Der Gute Gott von Manhattan“ bei Dir auslöste?

Diesen Text auf eine Theaterbühne zu bringen, ist ein sehr reizvolles Unternehmen, nämlich thematisch gesehen, in der Anonymität einer Großstadt wie Manhattan Intimität entstehen zu lassen. In New York als Stadt der Städte steckt eine Vielzahl von Chancen und Möglichkeiten, aber auch das Potential für Vereinsamung und Wahn. Des Weiteren ist Manhattan auch ein Vexierbild für Liebe und Konsum als Begehren. Und obendrein ist das Hörspiel eingebettet in einen absurden Kriminalfall, der das ganze fast schon auf eine kafkaeske Höhe treibt. Dies sind alles Themen und Situationen, die sich auch auf unsere Zeit der Globalisierung ummünzen lassen.

Worin siehst Du die Schwierigkeit einen Text, der als Hörspiel konzipiert ist, auf die Bühne zu bringen?

Darin, dass die Ebene des Zuhörens und somit des freien Phantasierens sich auf der Bühne im Visuellen einlösen muss, sprich bildlich übersetzt wird. Dabei ist man immer mit der Gratwanderung konfrontiert, zu viel oder zu wenig zu bebildern. Konkret: Wo muss man die Sprache für sich sprechen lassen? Da dieser Text thesenhaft geschrieben ist, lassen sich immer mehrere Räume erschließen. Deshalb galt es eine Bildsprache zu entwickeln, welche die Erzählung zuspitzt und entfaltet. Und trotzdem darf die Freiheit im Blick des Zuschauers nicht eingeschränkt oder vorweg genommen werden. Deshalb braucht man im gegenseitigen Spiel von Text und Bild eine Trennung, die jeweils diesen Freiraum schafft, indem die Sprache und dann die Aktion für sich stehen können.

 

Mathias Lodd, Tamara Semzov, Franz Xaver Zach, Nico Link Der Briefwechsel „Herzzeit“ zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan kommt ebenfalls in der Inszenierung vor. Ist er also eine Ergänzung, Reflexion, die Du als Gewinn für das Stück siehst?

Das Interessante in der Kombination dieser beiden Texte liegt vor allem darin, dass wir es hier mit zwei unterschiedlichen Lieben zu tun haben, die unmittelbare versus die abwesende. Jennifer und Jan sind mehr das Bild einer Liebe als Ausnahmezustand, dabei aber sprachlich formal und artifiziell konstruiert, während der Briefwechsel zwischen Bachmann und Celan trotz der Distanz eigentlich das Gegenteil schafft, nämlich den Versuch einer ehrlichen Annäherung. Dabei spricht er auch die Zweifel an, die wiederum in „Der Gute Gott von Manhattan“ nur in Andeutung, verhandelt werden.

 

Wie sehr konntest Du, vor allem als Germanistin, dich dem Mythos dieser vielfach besprochenen Liebesgeschichte von Celan und Bachmann entziehen?

Klar liegt darin eine Schwierigkeit, dass die Beziehung der beiden ein Mythos ist und ein fast schon absurder Voyeurismus auf diesem literarischen Liebespaar liegt. Es scheint beinahe unmöglich dieses autobiographische Dokument auf die Bühne zu holen, ohne dabei Bachmann und Celan als mystifizierte Figuren auftreten zu lassen und wertfrei und unkommentiert mit der Sprache zu spielen. Aber genau dieser Widerspruch hat mich interessiert, und so gesehen habe ich den Briefwechsel als eine weitere Möglichkeit entdeckt, Liebe in ihrer Ambivalenz und unterschiedlichen Form, auch textlich, zu verhandeln.

 

SANDY LOPIČIĆ IM INTERVIEW

WER SICH VERÄNDERT, VERÄNDERT DIE WELT

GESPRÄCH MIT DEM REGISSEUR UND MUSIKER SANDY LOPIČIĆ

Wir führen dieses Gespräch kurz vor dem Ende eines turbulenten Jahres. Im März 2016 inspirierte Dich eine Zeitungsnotiz zu diesem Theaterabend. Was war das genau?

Es war der Bericht aus Istanbul über die bevorstehende Übernahme der Redaktion der großen türkischen Tageszeitung „Zaman“ durch die Regierung. Doch „draußen vor der Tür“ bildeten solidarische Bürgerinnen und Bürger eine Menschenbarrikade und verhinderten so die gewaltsame Übernahme. Den Journalistinnen und Journalisten blieb dadurch noch eine letzte Nacht, um eine weitere Ausgabe zu drucken. Mir gefiel dieser Gedanke: Was sage ich der Welt, wenn ich nur noch eine Gelegenheit dazu hätte? Vor allem auch in Anbetracht des bevorstehenden Übergangs zu einer Diktatur in der Türkei. Inzwischen ist die Situation ja vielerorts schon weiter eskaliert, und die Menschenrechte – und zwar nicht nur die der Journalistinnen und Journalisten – werden mit Füßen getreten. Um es auf einen universellen Punkt zu bringen: Wir dürfen nicht aufhören zu erinnern! An Zeiten und Orte, wo genau solche Vorgänge zu großen Tragödien, sprich Völkermord oder Krieg führten.

Im vergangenen Jahr ging es in den „Trümmerfrauen“ um die Kriege der Welt und die Kostbarkeit jedes einzelnen Lebens; dieses Jahr geht es um das, was mediale Informiertheit mit den Menschen macht. Oder?

Mitunter. Es gibt ein berühmtes Zitat, ursprünglich von Marie von Ebner-Eschenbach: Wer nichts weiß, muss alles glauben. Ich würde es heute, zumindest für unsere Breitengrade, lieber umdrehen: Wer denkt alles zu wissen, hat aufgehört zu glauben! Oder: Wer alles weiß, kann nicht mehr glauben. Oder: Wissen ersetzt den Glauben nicht … Du siehst, ich suche die Spiritualität. Es braucht tägliche Übung, um sich jeden Tag aufs Neue etwas Abstand zu den Geschehnissen der Welt zu schaffen, rauszukommen aus unserem Konzept von Leben, aus unserem Mikrokosmos. Musik hilft da! Am besten instrumentale Musik, also Musik ohne Text …

Der schlaue Zyniker Heiner Müller meinte: „Hoffnung ist etwas für Leute, die unzureichend informiert sind.“ Führt unsere Überinformiertheit zu Hoffnungslosigkeit, Lähmung und Passivität? Müssen wir zurück zu einer Naivität, um das Leben wieder lebenswerter zu finden?

Die Frage bleibt, was nützliches und was unnützes Wissen ist. Je weniger wir uns mit der Komplexität der Welt und der Natur beschäftigen und auskennen, desto lebensfeindlicher werden wir und die Welt, die wir uns schaffen. Auf jeden Fall erst mal weg mit Facebook und den Junk-News! 

Ich nehme Dich als jemanden wahr, der sehr offen in eine Probensituation geht, der aufnimmt, was rings um ihn herum passiert und der gewissermaßen die Energien bündelt. Welche Art von Energie spürst Du derzeit um uns herum?

Viele, und verschiedenste Energien! Das macht mir ein bisschen zu schaffen gerade. Wir sind fast alle verstrickt im News-Wahnsinn. Voll bis oben hin mit Emotionen, Wut, Verwirrung. Große Veränderungen passieren um uns herum und wir wissen noch nicht genau, wie wir damit umgehen sollen. Man hat das Gefühl, dass ein globaler Wandel passiert, eine Wende eingeleitet wurde. Die Richtung oder gar ein Ziel ist aber noch nicht definiert. Eine Rückwärts-Tendenz meine ich zu spüren: zurück zu gewissen Werten und Qualitäten, die wir früher schon mal hatten. Ohne zu sagen: früher war alles besser, denn das stimmt so ja auch nicht. Aber auf das gemeinsame Musikmachen freut sich jede und jeder von uns!

Das Wort „Redaktionsschluss“ kann wie die „Bombenstimmung“ aus dem vergangenen Jahr einen durchaus doppeldeutigen Sinn haben …

Im Moment komme ich auf mehr als nur zwei Deutungen. „Redaktionsschluss“ ist wie ein Überbegriff. Deswegen ist es gerade schwer für mich, eine – und nur eine! – Aussage zu definieren. Es fühlt sich an, als wäre es verschenkt, mit diesem Titel ein Stück zu machen, das „nur“ mit Journalismus und Pressefreiheit zu tun hat. Dafür gibt es zurzeit einfach zu viele Entwicklungen, die besprochen werden wollen. Möglicherweise hat auch unsere Form der Demokratie ausgedient, wie wir sie kennen und praktizieren? Auch dafür steht „Redaktionsschluss“. Oder auch für das Gefühl der Verweigerung, für das Neinsagen zur virtuellen Welt oder zum bestehenden politischen System zum Beispiel.

Wie beeinflusst der Musiker in Dir den Regisseur und andersherum?

Als Musiker versuche ich, die Routine und mein Wissen zu vergessen, um das Arrangement, sprich die Stimmung, die ich suche, nur durch Bilder und Adjektive zu beschreiben und zu erlangen. Ich versuche mich zum musikalischen Laien zu machen. Ich suche das Einfache, verlange Reduktion. Ich meide die Terminologie eines Musikers. Außer es muss sich etwas sehr schnell herstellen, da sag ich dann schon mal: „A-moll, langsame Zerlegung, staccato“, oder „pizzicato gezupft, accellerierend zu D-moll, mit gelegentlichen Clustern, mit einer Fermate auf jeder Eins im fünften Takt …“ Als Regisseur schaue ich mir Menschen an, ihre Körpersprache, höre ihre Stimme und lasse mich zu Situationen und Bildern inspirieren. Ich suche dann nach der idealen Ausdrucksform. Da unterscheide ich dann nicht mehr zwischen Musik und Sprache.

Welche Möglichkeiten haben wir mit den Mitteln des Theaters und der Musik?

Ich lese gerade das Buch „Wer sich verändert, verändert die Welt“. Die Prinzipien, die darin geschildert werden, schaffen Möglichkeiten für eine globale Veränderung. Warum sollte sich gute Energie nicht genauso – wellenförmig? – verbreiten können wie Schall, also zum Beispiel Musik? Wie man in einer vollen Straßenbahn vielen Menschen mit einer Melodie einen guten Ohrwurm ins Ohr pflanzen könnte, geht das mit einem Lächeln oder einem positiven Gedanken bestimmt auch. Und wenn zumindest ein Mensch aus unserem Stück geht und sagt: Ab morgen nehme ich wieder Klavierunterricht oder suche mir einen Chor – das wäre ein guter Anfang!

Fulminant: „Geächtet“

„Geächtet“ wurde in der Kritikerumfrage der Fachzeitschrift „Theater heute“ zum besten ausländischen Stück des Jahres gewählt. Im Schauspielhaus Graz haben Sie die Möglichkeit, die gesellschaftskritische Inszenierung zu erleben.

 

THE MAN WHO SOLD THE WORLD

lalalala

We passed upon the stair We spoke of was and when Although I wasn’t there He said I was his friend Which came as some surprise I spoke into his eyes I thought you died alone A long, long time ago

Oh no, not me I never lost control You’re face to face With the man who sold the world

lalala

– M / T: David Bowie (1970)

STÜCK VOM HIMMEL

Warum in seinem Namen? Wir heißen selber auch. Wann stehen wir für unsre Dramen? Er wird viel zu oft gebraucht. Alles unendlich, unendlich.

Welche Armee ist heilig? Du glaubst nicht besser als ich! Bibel ist nicht zum einigeln, Die Erde ist unsere Pflicht! Sie ist freundlich, freundlich Wir eher nicht.

Ein Stück vom Himmel, Ein Platz von Gott, Ein Stuhl im Orbit, Wir sitzen alle in einem Boot! Hier ist dein Haus, Hier ist was zählt. Du bist überdacht Von einer grandiosen Welt.

Religionen sind zu schonen, Sie sind für Moral gemacht. Da ist nicht eine hehre Lehre, Kein Gott hat klüger gedacht, Ist im Vorteil, im Vorteil.

Welches Ideal heiligt die Mittel? Wer löscht jetzt den Brand? Legionen von Kreuzrittern Haben sich blindwütig verrannt. Alles unendlich,…

Welches Ideal heiligt die Mittel? Wer löscht jetzt den Brand? Legionen von Kreuzrittern Haben sich blindwütig verrannt. Alles unendlich, warum unendlich? Krude Zeit.

Ein Stück vom Himmel Ein Platz von Gott, Ein Stuhl im Orbit. Wir sitzen alle in einem Boot. Hier ist dein Heim, Dies ist dein Ziel. Du bist ein Unikat, Das sein eigenes Orakel spielt. Es wird zu viel geglaubt, Zu wenig erzählt.

Es sind Geschichten, Sie einen diese Welt. Nöte, Legenden, Schicksale, Leben und Tod, Glückliche Enden, Lust und Trost.

Ein Stück vom Himmel Der Platz von Gott. Es gibt Milliarden Farben, Und jede ist ein eigenes Rot. Hier ist dein Heim, Dies unsere Zeit. Wir machen vieles richtig, Doch wir machen’s uns nicht leicht Dies ist mein Haus, Dies ist mein Ziel.

Wer nichts beweist, Der beweist schon verdammt viel.

Es gibt keinen Feind, es gibt keinen Sieg. Nichts gehört niemand alleine, Keiner hat sein Leben verdient. Es gibt genug für alle, Es gibt viel schnelles Geld, Wir haben raue Mengen, Und wir teilen diese Welt, Und wir stehen in der Pflicht.

Die Erde ist freundlich, Warum wir eigentlich nicht? Sie ist freundlich, Warum wir eigentlich nicht?

– M / T: Herbert Grönemeyer (2007)

ICH WEISS, ES WIRD EINMAL EIN WUNDER GESCHEHN

Ich weiß, es wird niemals ein Wunder geschehn und es werden keine Märchen wahr. Ich weiß, so schnell kann unser Leben vergeh’n, das so klein ist und so wunderbar. Wir haben alle denselben Stern und dein Schicksal ist auch meins. Du bist mir fern und doch nicht fern, und unsere Seelen sind eins. Und darum muss endlich ein Wunder geschehn Und ich weiß, dass wir uns wiedersehn.

M: Michael Jary (1942)

 

EXIT MUSIC (FOR A FILM)

Wake

From your sleep

The drying of

Your tears

Today

We escape

We escape

Pack

And get dressed

Before your father hears us

Before

All hell

Breaks loose

Breathe

Keep breathing

Don’t loose

Your nerve

Breathe

Keep breathing

I can’t do this

Alone

Sing

Us a song

A song to keep

Us warm

There’s

Such a chill

Such a chill

You can laugh

A spineless laugh

We hope your

Rules and wisdom choke you

Now

We are one

In everlasting peace

We hope that you choke

That you choke

We hope that you choke

That you choke

We hope

That you choke

That you choke

– M / T: Thomas Yorke, Jonathan Greenwood, Philip Selway, Colin Greenwood, Edward O’Brien (1997)

WEG ZUR ARBEIT

Jeden Morgen gehe ich, zirka acht Minuten lang,

Ausser wenn ich krank bin, von meiner Wohnung in meine Kanzlei

Das ist schon seit Jahren so, ich bin nicht der einzige –

Für die meisten Leute geht das Leben so vorbei!

Ich grüße freundlich die Verkäuf’rin meiner Zeitung

Sie hat es schwer heut‘ seit jenem grausigen Prozess –

Ihr Mann ist eingesperrt wegen so mancher Überschreitung!

Sie wurde freigesprochen, denn sie war nicht in der SS –

Obwohl sie wusste, was da vorging!

Und ich grüße ebenso den Friseurgehilfen Navratil

Der auch in der SS war – oder war es die SA?

Einmal hat er angedeutet, während er mir die Haare schnitt

Was damals in Dachau mit dem Rosenblatt geschah!

Er war erst zwanzig – zwölf Jahre jünger als der Rosenblatt!

Jetzt ist er fünfzig und ein sehr brauchbarer Friseur!

„Grüß Gott, Herr Hauptmann!“ – Der heißt nur Hauptmann –

Er war Oberst und hat in Frankreich einige zu Tode expediert!

Er ist noch immer Spediteur – es hat sich nichts geändert!

Drüben macht der Hammerschlag seinen Bücherladen auf

Ich seh‘ ihn noch heut‘ vor mir, er ist damals so gerannt

Und hat direkt vor seinem Buchgeschäft einen Scheiterhaufen aufgestellt

Und hat darauf Thomas Mann und Lion Feuchtwanger verbrannt

Und Erich Kästner und den Kafka und den Heine

Und viele andere, die jetzt sein Schaufenster verzier’n!

Und er verkauft sie mit einem Lächeln an der Leine

Ja, er muss leben und seine Kinder wollen studier’n –

Er hat ja selbst den Doktor!

„Verehrung, Herr Professor – Wie geht’s der Frau Gemahlin?

Danke! – Sie schau’n blendend aus – wie bleiben Sie so jung?“

Das war Professor Töpfer, seinerzeit „Völkischer Beobachter“

Anthropologie und Rassenkunde. Jetzt ist er beim Funk!

„Grüß Gott, Herr Neumann!“ – Der ist nichts, der ist erst dreißig!

Was war sein Vater? Na, er war jedenfalls Soldat!

„Habe die Ehre, Herr Direktor!“ – Der ist gute fünfundsechzig

Also muss er was gewesen sein. Heute ist er Demokrat –

Das sind wir schließlich alle!

Drüben ist der Eichelberger, Gummibänder, Hosenträger –

Das war früher Blau und Söhne, Herrentrikotage!

Nebenan war das Café Winkelmann. Der Winkelmann ist noch zurückgekommen

Dann ist er wieder weggefahren – jetzt ist dort eine Garage!

Da kommt die Schule, da bin ich selber hingegangen

Mein Deutschprofessor bezieht noch immer dort Gehalt

Der schrie: „Heil Hitler!“ – nun, das wird er heute nicht mehr schrei’n!

Was nur die Kinder bei dem lernen? Vielleicht vergessen sie es bald –

Ich kann es nicht vergessen!

So, jetzt bin ich endlich in meine Kanzlei gekommen

Setz‘ mich an den Schreibtisch und öffne einen Brief –

Doch bevor ich lesen kann, muss ich erst die Richtung ändern

Blicke rasch zum Himmel auf und atme dreimal tief

– M / T: Georg Kreisler (1968)