WER NICHTS WEISS, MUSS ALLES GLAUBEN …

„Ein Revisor kommt in unsere Stadt.“

Dieses hartnäckige Gerücht ist das amüsante Material, aus dem die Komödie „Der Revisor“ des Russischen Autors Nikolaj Gogol geschaffen ist, die am 30. September am Schauspielhaus in HAUS EINS Premiere hat. 1836 entstanden, erweist sich „Der Revisor“ auch heute noch als brandaktuelle Komödie über Korruption und die Macht des Gerüchtes, das, einmal in die Welt gesetzt, eine ganze Stadt restlos auf den Kopf stellen kann.

Regie Stephan Rottkamp Bühne Kathrin Frosch Kostüme Julia Plickat Musik Bernhard Neumaier Dramaturgie Jan Stephan Schmieding

mit Julia Gräfner, Benedikt Greiner, Fredrik Jan Hofmann, Raphael Muff, Christiane Roßbach, Franz Solar, Silvana Veit

weitere Vorstellungen am 4., 7., 22., 27. und 29. Oktober, jeweils 19.30 Uhr, sowie ab November

Nominierungen Nestroypreis 2016 – Julia Gräfner, „Kasimir und Karoline“

Das Schauspielhaus Graz freut sich über zwei Nominierungen für den diesjährigen Nestroy-Theaterpreis.

Ensemblemitglied Julia Gräfner ist für ihre Verkörperung des Caliban in „Der Sturm“ von William Shakespeare (Regie: Stephan Rottkamp) in der Kategorie „Bester Nachwuchs weiblich“ nominiert. Gräfner wird ab 30.9. als Dobtschinski in „Der Revisor“ und weiterhin in ihrem Solo „Ich würde alles für die Liebe tun, ich mach’s aber nicht“ (WA 6.10.) zu sehen sein. Ab 18.11. gibt sie außerdem die Julia in Shakespeares „Romeo und Julia“ (Regie: Lily Sykes).

Regisseur Dominic Friedels Inszenierung von Ödön von Horváths „Kasimir und Karoline“ ist als „Beste Bundesländer-Aufführung“ nominiert.

Ebenfalls freuen wir uns mit Regisseur Jan-Christoph Gockel, der als Eröffnung der Intendanz Laufenberg am Schauspielhaus „Merlin oder Das wüste Land“ von Tankred Dorst inszeniert hat – er ist in der Kategorie „Beste Regie“ für seine Arbeit „Imperium“ (nach dem Roman von Christian Kracht) am Schauspielhaus Wien nominiert.

Auszüge aus den Pressestimmen zu „Die Neigung des Peter Rosegger“

„Arzt hat ein kompaktes Stück vorgelegt, in dem der umstrittene Mythos des Heimatdichters als Schablone dient. Auf ihr werden Nationalismus, Fremdenhass, persönliche Befindlichkeiten, Komplexe und der diffuse Heimatbegriff, den so viele gefährdet sehen, mit Wortwitz verhandelt. […] Arzt hat seine Figuren vielschichtig gebaut. Vor allem Florian Köhler kann aus dieser Vorlage viel machen: Er spielt den Erben eines Familienunternehmens, der immer alles richtig machen wollte, aber dem SS-Opa zu viel geglaubt hat und sein Heil in Rosegger-Romantik sucht, mit einem dezenten irren Flackern im Auge. […] Die besorgten Bürger und auch die frustrierte Stadtarchivarin, mit der Henriette Blumenau eine wunderbare amouröse Gegenspielerin Wiesingers gibt, werden von Arzt mitleidslos beschrieben, aber nicht vorgeführt.“ (Colette Schmidt, Der Standard, 16. September 2016)

„Als psychisch angeknackster Unternehmer brilliert Florian Köhler, der eine ganze Bandbreite von unauffällig-beflissen bis radikal-aufbegehrend zeigen darf. Evamaria Salcher gibt die genervte, aber sympathische Bürgermeisterin, ein besonderes Glanzstück liefert Henriette Blumenau als etwas neurotische Archivarin. Die „Stimme des unzufriedenen Volkes“ übernimmt Susanne Konstanze Weber (Angestellte), die den Tod ihres geliebten Hundes den Flüchtlingen anlastet. Nico Link überzeugt als versoffener, aber letztlich als einziger klar denkender Arbeiter, und Franz Xaver Zach gibt den kryptischen Seismologen, der auch nicht mehr weiß als die anderen. Ein Abend, der […] Lust auf mehr Arbeiten des Autors macht.“ (Karin Zehetleitner, www.tt.com, APA, 16. September 2016)

„Die Uraufführung dieses Schauspiels am Donnerstag in Graz bestätigt, dass Thomas Arzt mit heiklen Themen schonungslos, aber unverkrampft umgehen kann, dass er dem Volk sprachgewitzt aufs Maul schaut. […] Im Mittelpunkt steht der von Florian Köhler mit Feuereifer gespielte Bauunternehmer Paul Wiesinger, für den das Rosegger-Denkmal zum Lebensmittelpunkt geworden ist. […] Glänzend ist Henriette Blumenau als schrullige Archivarin Trost. Auch dieser Name spricht für sich. Bei Frau Trost sucht Herr Wiesinger in Literaturstunden Aufklärung und Erbauung zu Rosegger, aber auch ein bisschen Trost in allen seinen Neurosen – und am Ende sogar Liebe.“ (Norbert Mayer, Die Presse, 17. September 2016)

„Die wachsende Unsicherheit und den damit verbundenen Rechtsruck thematisiert Thomas Arzt vielschichtig und humorvoll in seinem Stück „Die Neigung des Peter Rosegger“. […] Bei Arzt gibt es kein Schwarz und Weiß, sondern die unendlich vielen Grautöne dazwischen, seine Methode ist nicht das Anprangern, vielmehr ein durchaus subtiles Warnen vor Nationalismus und Radikalisierung. […] Einmal mehr eine Freude sind die Schauspieler, allen voran Florian Köhler als Bauunternehmer Wiesinger mit Nazi- Familienvergangenheit und Henriette Blumenau als Archivarin, Frau Magister Trost. Aber auch Evamaria Salcher als Bürgermeisterin und Niko Link als Arbeiter überzeugen. Susanne Konstanze Weber lässt dunkle Seiten sehen und Franz Xaver Zach versucht sich als Seismologe in Ursachenforschung.“ (Michaela Reichart, Kronen Zeitung, 17. September 2016)

„Der Text des sprachlich potenten Schlierbachers [Thomas Arzt] ist eine launige bis anarchische Erörterung des Heimatbegriffs, verwebt aktuelle Gesellschaftspolitik mit germanistischen Erörterungen über die Ambivalenz des steirischen Heimatdichters aus der Waldheimat. Die Story rund um (klein)bürgerliche Verhaltensmuster in der Provinz hat eine starke weiß-grüne Schlagseite und stellt – um eine Vokabel aus der Fußballersprache zu verwenden – eine Steilpassvorlage dar. […] Thomas Arzt, der sich mit „Grillenparz“, „Johnny Breitwieser“, und „Totes Gebirge“ einen Namen gemacht hat, unterstreicht mit „Die Neigung des Peter Rosegger“ sein Gespür für Themen und sein Talent für eine einprägsame Kunstsprache. […] Jenseits der geheimnisvollen urbanen Erschütterungen lässt Arzt Original-Rosegger-Zitate, eine skurrile Lovestory und etliche Stimmen des Volkes einfließen. Florian Köhler lotet die vertrackten Lebensrealitäten des Vorzeigebürgers Wiesinger mit Erfolg aus, Henriette Blumenau ist die köstlich schrille Archivarin Trost. Viel zustimmender Beifall.“ (Martin Behr, Salzburger Nachrichten, 17. September 2016)

EINE KUH AUS EUROPA

GESPRÄCH MIT DEM REGISSEUR JAN STEPHAN SCHMIEDING ÜBER SEINE PRODUKTION „YELLOW LINE“
Als das Stück herauskam, galt in Europa die Vermutung, dass der Stacheldrahtzaun aus Europa im Begriff ist zu verschwinden, die Grenzen offen sind und „Reisefreiheit“ vorherrscht. Klingt heute, 2016, wie eine Erzählung aus grauer Vorzeit: Das war im Jahr 2012!

Die Figur des Zaunbauers aus „Yellow Line“ hätte heute tatsächlich vollere Auftragsbücher und mehr europäische Kunden als noch vor ein paar Jahren. Aus einer gemeinsamen Außengrenze wurden in kurzer Zeit viele Binnengrenzen; das Konstrukt der Europäischen Union, das dem Kontinent seine längste Friedensperiode überhaupt beschert hat, befindet sich in einer prekären Lage. Gemeinsam haben die Europäer derzeit anscheinend nur mehr die Angst vor Zuwanderung, den daraus folgenden wiederaufkommenden Nationalismus und der sich spiralförmig verengenden Sicherheitsrhetorik.

Wie hat sich deine Perspektive auf das Stück verändert, in dem ja der Rahmen noch das „grenzenlose“ Europa und die menschliche Begrenzung eher einer der Köpfe als der realen Stacheldrahtzäune ist?

Das Thema des Stückes ist uns quasi noch näher auf den Leib gerückt. Die Bilder von Elend und Abschottung erreichen uns nicht mehr von den Rändern Europas; sie sind hautnah zu erleben. Die Wirkung des Stückes hat sich dadurch aber für mich nicht verändert. Verschärft, vielleicht eher. Wir wollen unsere Freiheit verteidigen, wenn nötig auch mit noch mehr Stacheldraht. Dabei stellen sich Helene und Paul im Stück die Frage, was genau denn ihre Freiheit ausmacht, in einer „Konsum-wirtschaftlich“ geprägten Gesellschaft, die reglementiert und ausgrenzt, und die Mensch und Tier gleichermaßen nur noch aus ökonomischer Sicht bewertet.

Worin liegt für dich der Humor bei „Yellow Line” ? Dürfen wir über ein solch ernstes und aktuell beklemmendes Thema überhaupt lachen?

Natürlich ist das Thema an sich überhaupt nicht zum Lachen. Die Fliehenden begeben sich in Lebensgefahr, unser von Angst vor „Überfremdung“ geprägtes Verhalten sorgt zusätzlich dafür und
dass das Recht der Menschenwürde in den Hintergrund rückt. Das Stück aber nähert sich seinen Figuren, egal welcher Herkunft, mit der gleichen Sympathie. Allen Figuren ist die Überforderung am eigenen Leben gemein. Der Libyer Asch-Schamich etwa ist überfordert mit der Situation, seinem offiziellen Gegenüber in Lampedusa verständlich machen zu müssen, dass er gar nicht nach Europa fliehen wollte, sondern schlicht in Seenot geraten ist. Gleiches gilt für Helene, die mit ihrer Beziehung und den Tücken unserer von Regeln und Konsumverlockungen überfrachteten Gesellschaft kämpft. Und wie in jeder Komödie entfaltet sich auch der Humor von „Yellow Line“ darüber, dass man die Nöte und Ängste der Figuren absolut ernst nimmt. Letztendlich konfrontiert uns das mit den unüberbrückbaren Widersprüchen, die unser komplexes Leben uns heute beschert. Dazu gehört die Tendenz, einfache, pauschale Urteile und Erklärungen den komplizierteren, widersprüchlicheren vorzuziehen. Oder der Umstand, dass wir uns in Europa gerne als besonders freiheitlich, tolerant und offen feiern, diese Freiheit anderen dann aber nur sehr selektiv gewähren. Oder die absurde Tatsache, dass wir unsere, von der Marktwirtschaft bis ins kleinste gelenkten und überwachten Konsumentscheidungen als Ausdruck höchster Freiheit wahrnehmen. Helene ist entsetzt über den rabiaten Umgang der Behörden mit einer aus einem hochmodernen, europäischen Stall geflohenen Kuh, aber das Schnitzel am Buffet im Pauschalurlaub ist dann doch zu verlockend, um darauf zu verzichten.

ZEHN VERSUCHE ÜBER HEIMAT ZU SPRECHEN

von Thomas Arzt

1. Heimat ist ein fürchterliches Übersetzungsproblem. Weil das Deutsche eine Unübersetzbarkeit ins Wort hineingeschrieben hat, sodass mich die Übersetzerinnen und Übersetzer meiner Theaterstücke in einer Verzweiflung immer erneut darüber ausfragen, was denn genau damit gemeint sei, mit meiner Heimat. Denn es gäb zwar dieses oder jenes Wort, das für eine Umschreibung der Bedeutung in Frage käm,aber die Figuren in den Stücken, die da das Wort in den Mund nehmen, scheinen von vielen Worten gleichzeitig zu sprechen. Ein ganzes Lexikon an Unbestimmbarkeiten also, in einem Wort gefangen. Da sitz ich dann immer recht ratlos davor, vor der Frage nach der Heimatbedeutung, und, weil ich mir nicht zu helfen weiß, frag ich ganz sacht es selbst, das Wort nämlich. Hörst, Heimatwort, frag ich vorm Bildschirm am Schreibtisch, was bist denn jetzt? Und anfangs bin ich eher schüchtern, zurückhaltend im Fragen, weil ich will ihm ja nicht auf die Füß, dem Wort von der Heimat. Da schweigt’s mich an und ich frag erneut. Und wieder und wieder, bis ich ungehaltener und fester, fast zornig bin, und ich schrei dann schon rein, in das Wort, es soll doch mal endlich deutlich sagen, was es jetzt sei: ein Haus? ein Ort? eine Herkunft? eine Natur? eine Kultur? ein Bild? ein Beziehungsgeflecht voll von Emotion, Erinnerung und Nostalgie? oder doch nur eine Lüge? Und ich spuck schon drauf, der Bildschirm am Schreibtisch beschmiert, aber das Wort bleibt stumm. Ist trotzig, dumm und hochnäsig. Das war ja immer so meine erste Vermutung, die Hochnäsigkeit drin, in der Heimat, aber je mehr ich dann im Stillen sitz, ohne Antwort, und das Wort mich immer noch anschaut, desto mehr wird mir klar: das Schweigen kommt aus der Furcht heraus. Es scheint ein Wort zu sein, dass sich vor der Übersetzung, der Überführung also, vor der sprachlichen Verschiebung ins Fremde fürchtet. Ein Furchtwort, die Heimat. So steht’s nun klar, das Heimatwort, vor mir. Als eine feige Sau. Und ich schreib, sorry, zu meinen Übersetzerinnen und Übersetzern meiner Theaterstücke, sorry, aber der ist nicht zu helfen, der Heimat. Sie hat sich in sich selbst verkrochen. Vielleicht hilft Abwarten und gut zureden.

2. Die Heimat ist eine Rampensau. Ein Wort, das sich nicht zu schad ist, zum Selbstverkauf, zur Ausgestelltheit, zur Massenvereinnahmung. Verplakatiert und verschlagzeilt. Verökonomisiert und vereinnahmt. Und vor allem ein Wort, das die Vorrangstellung liebt, sodass die meisten Komposita auch die Heimat an den Beginn stellen. So ist’s keine Gefühlsheimat, sondern ein Heimatgefühl. Keine Urlaubsheimat, sondern ein Heimaturlaub. Keine Kunstheimat, sondern eine Heimatkunst. Ich würd sie ja gern haben, echt, die Liebesheimat etwa, oder die Gedankenheimat, Sprachheimat, Schutzheimat, Beschmutzungsheimat, Pflegeheimat, Stückheimat. Nur gehen diese Worte unter, werden schwach, oft vergessen, auch sinnlos, neben der Heimatsprache, dem Heimatgedanken, der Heimatliebe, auch neben Heimatschutz, Heimatbeschmutzung, Heimatpflege und Heimatstück. Schad, denk ich, dass sie sich der Liebenswürdigkeit entzieht, weil sie so herausgeputzt und vorgedrängt sich hat. Und weiter denk ich, manchmal würd’s schon helfen, die Dinge einfach umzudrehen. Auf den Kopf zu stellen. Großartiges käm zum Vorschein. Verunmöglichtes erhielt eine Sprache. Wenn nicht immer das bereits Gesagte wiederholt da steht. Eine Heimat, die aus dem Rampenlicht träte, wär mir also lieber.

3. Heimat ist die Gesamtheit des unendlich Banalen. Da wird auch das Scheißtrümmerl eines Rehbocks zum Heimatgefühl. Oder die Kuhflade des Bioheumilchkalbs, die da, wenn auch im deftigen Gestank, mit einer regionalen Nachhaltigkeit daherkommt. Auch die geschmacklose Hässlichkeit der Wandtapezierung aus vergilbter Kindheit löst verklärte Euphorie aus, wie es auch das vehemente Gefluche eines genervten Touristen im Ausland tut, der in rüder Reminiszenz an seine überschaubar geordnete Herkunft ins Chaos einer ostasiatischen oder südamerikanischen oder nordafrikanischen Metropole ein beherztes „Heast Oida, geht’s scheißen!“ loslässt. Da freut sich der ebenfalls genervte Leidensgenosse im fremdländischen Chaos, sagt hallo zum Heimatverbündeten und fragt freilich nach der genauen Region der Herkunft, weil nur wenn wo Österreich draufsteht, heißt das noch lang nix! Die Heimat ist ein Areal der kleinstmöglichen Bestimmbarkeit des Herkünftigen, da macht’s einen enormen Unterschied, ob Neusiedlersee oder Bodensee, ob Pongau oder Lungau, ob Ötztal oder Zillertal, ob Hofern, Hausmanning oder Haselböckau. Ja, weil welches Grätzel es ist, wo du deine Grillwürstel auf den Rost haust und das Schweinsbratl einfettest, macht dich erst erkennbar und also bestimmbar und also identifizierbar, als ein Dasieger oder Hiesiger oder eben nicht. Die Heimatidentität ist also eine Summe belangloser Alltagszufälligkeiten, die erst in der Gesamtkonstruktion ihre Bedeutsamkeit erhalten. Was durchaus nicht unvorteilhaft ist, sonst würd ja ein jeder auch nach dem Scheißtrümmerl vor der Haustür stinken, wenn er sagt, seine Heimat sei Österreich.

4. Heimat ist die lächerliche Vorfreude auf das Spiel der eigenen Mannschaft, ist das jämmerliche Zittern während der ersten Spielminuten, ist der unangebracht euphorische Jubel nach dem Tor, ist die kollektiv zelebrierte, katastrophale Niedergeschlagenheit danach, ist das Gefühl, dass wir alle zusammen im selben Stadion weinen, im selben Bierzelt, vorm selben Fernsehkastel im Garten, und dabei das Leder, das wir fiebrig verfolgten, nun letztlich verfluchen. Ist das Gefühl, dass selbst der Trauer, dem Frust und der Ernüchterung eine verbindende Lebensqualität innewohnt, nämlich jene des lustvollen Pessimismus oder destruktiven Nihilismus oder schlicht des schwarzen Humors vorm freudigen Untergang. Ist dann endlich auch wieder die gemeinsame Beschwörung des einen, singulären Punktes im Verlauf des Geschichtlichen, von dem wir ausgehen, dass wir damals eine Weltmacht gewesen wären, also entweder Sissi oder Córdoba.

5. Heimat ist ein Zustand des Aufgehobenseins. Denn wenn der Mensch zur Welt kommt, dann wär’s ansonst ein Fallen, auf den Boden, würd da keiner oder nichts auch sein, das einen hält, und heraufhebt. Und das sind also zuallererst die Hände, die Heimat, die aus dem Herausfallen ein Halten machen. Ein Halt also, die Heimat, der dir das Überleben erst ermöglicht. Weil wer fallengelassen und übersehen auf dem Boden der Tatsächlichkeit rumliegt, ist in Gefahr. Existentiell. Wer aber in der Heimathand dann sich im Halt befindet, sich allzu sehr einrichtet darin, in diesem Nest des Glückseligen, und nicht mehr bemerkt, wie sehr das Tatsächliche unten drunter und herum um ihn weiterexistiert, der nur mehr also in einer Unwirklichkeit, nenn’s auch Abgeschottetheit, nenn’s auch heimeligen Lüge lebt, ist ebenfalls in Gefahr, nämlich nicht unwirklich, abgeschottet und verlogen, sondern tatsächlich existentiell. Denn dann gibt’s eine Existenzzerstörung von Innen heraus. Dann erdrückt die Heimathand, nimmt dir die Luft, nimmt dir die Freiheit. Heimat also ist ein Zustand des Aufgehobenseins in geglückter Schwebe zwischen Vertrautheit und Fremdheit.

6. Heimat ist ein Aufruf zur Selbstverortung. Es heißt, du weißt nicht, wer du bist, wenn du keine Heimat hättest. Gib dir einen Ort in der Welt! Der ist aber nur dann in der Welt, der Ort, wenn er sich in ein Verhältnis setzt, zur Welt. Ein Punkt im Nirgendwo also, ohne Welt, ist keine Heimat, das ist nur ein Punkt im Nirgendwo. Ich gehe verloren in einem Nirgendwo. Ich brauche den Bezug, und also wird der Heimatpunkt zu einem Geflecht mit anderen Punkten. Die Selbstverortung ist kein Spiel für Egoisten. Ich muss den anderen sehen, um zu wissen, wo ich steh. Alles andere nennt man Blindheit. Gefragt ist also, um daheim zu sein, das Sehen des Fremden am Bahnsteig, auf Autobahnen, in Zügen. Gefragt ist, um zuhause zu sein, die Irritation von Schweiß und Gestank der Herumirrenden, weil sie dran erinnern, in ihrem Irren, dass dein Ort ein Glücksfall ist, der dich zum Erkennen der Welt veranlassen sollt. Gefragt ist zuletzt auch die Erkenntnis des Scheiterns einer Heimat, weil die Welt sich verändert und den Heimatpunkt ordentlich herumtreibt, vor die Herausforderung der Weltteilnahme stellt, und das kann weh tun. Einen punktuellen Wohlstand aufzugeben, um erst mal wieder in eine neue Position zu kommen, die dich neu zu dir finden lässt. Das ist, bei aller Schwere, gefragt. Eine permanente Neuerfindung, deine Heimat, also.

7. Die Heimat ist eine verstörte Seelenlandschaft. Und das nicht erst seit Freud. Die Störungen des Bewussten durchs Unbewusste waren ja schon davor auch da, nur hat das Wort dazu gefehlt. Die Abgründe, etwa die Dunkelheit, die Grausamkeit, die Gewalt, die da hereinbricht, wo’s doch grad so unbekümmert und überschaubar wär, das hat ja schon die Erzählwelt des Mündlichen gekannt: die Kehrseite des Waldes, die Ungebändigtheit des Unwetters am Berg. Keine Heimaterzählung kommt aus, ohne die Bedrohung der Heimat, die immer scheinbar von außen kommt, aber letztlich doch der Zerrspiegel des verborgenen Innen ist. Wenn die Heimat das ist, was wir in uns tragen, dann ist sie eben auch das Fremde, das wir, runtergeschluckt, verdrängen wollen. Ein traumatisiertes Wort also, die Heimat. So braucht es eine permanente Verarbeitung, damit es aus den Schlupfwinkeln der Heimlichkeit in die Offenheit tritt. Denn sie will endlich auch in ihrer Vielgestalt erkannt sein. Sprecht über eure Ängste! Sie wurzeln in euch selbst! Je mehr wir also verdrängen, desto schlimmer beutelt uns der Alptraum. Der neue Nationalismus, der überall im Namen der Heimat geführt wird, ist also schlicht nur die neurotische Verstörung Europas durch sich selbst.

8. Heimat ist das Ablegen der eigenen Begrenztheit. Die dann eintritt, wenn du bei dir sein kannst: bei mir ist das der andere Mensch, der mich erst zu mir macht, der Raum, der entsteht, in der Annahme des Anderen. Bei mir ist es der Ort der Intimität, ist es der Moment der Verletzbarkeit, ist es die Ekstase der radikalen Vereinigung. Bei mir ist es der Flirt, das Wagnis, die Balancierung zwischen Abgründen des Menschlichen. Bei mir ist es auch das Vertrauen, die Verantwortung auch im Unmöglichen zusammenzustehen. Es ist der Schwindel, die Angst vor dem Fall. Das Springen, das Abheben. Der gemeinsame Flug über vermeintliche Verankerungen, Gefängnisse hinweg. Das Anschnallen, wenn alles bebt. Der Zuspruch: wir schaffen das. Die Suche von Händen, die sich finden. Der Blick hinunter, auf Länder, deren Grenzen dann lächerlich erscheinen, weil doch alles irgendwie zusammenhängt. Das Verlassen schließlich und das Wiederfinden.

9. Heimat ist gesellschaftliche Verwebung. Ist das Ineinanderlaufen von Biografien, Verschwimmen von Begegnungen, Vernetzung von Aussagen. Ist Gesellschaft in ihrer unerwartbarsten Dimension. Sie macht Lust, die Heimat, auf die Politik der möglichen Utopie.

10. Heimat ist der Versuch, auf dieser Welt nicht verloren zu gehen.

Eröffnungsfest: Der detaillierte Plan

Damit ihr bei unserem Eröffnungsfest am Freitag, den 9. September, auch nichts verpasst, haben wir hier für euch den detaillierten Plan mit allen Highlights. Wir freuen uns auf euch!

Ab 15.30 Uhr
15.30 bis 16 Uhr, POKEMON GO Flashmob mit Benedikt Greiner und KUG-Studierenden, vom Hauptplatz zum Schauspielhaus
15.30 Uhr, REVISOR BRASSBAND und STUDENTISCHER REVOLUTIONSCHOR, Freiheitsplatz und rund ums Schauspielhaus
15.30 bis 16 Uhr, LIVING STATUES Nestroy (Clemens Maria Riegler), Revoluzzi (Susanne Konstanze Weber), Judas (Fredrik Jan Hofmann), vor und rund ums Haus

Ab 16 Uhr
16 bis ca. 16.35 Uhr, BÜHNENSHOW // HAUS EINS // Eintritt € 5 & 3,50 € (erm.)
16 bis 19 Uhr, KINDERSCHMINKEN (Kleine Zeitung), ZUCKERWATTE, Foyer, 1. Rang
16 bis 20 Uhr, SCHULDNERBERATUNG von und mit dem Theater im Bahnhof, HAUS DREI
16 bis 20 Uhr, POKEMON GO (Benedikt Greiner, Philipp J. Ehmann), KBB, HAUS ZWEI

Ab 16.30 Uhr
16.30 bis 16.45 Uhr, LIVING STATUES Nestroy (Clemens Maria Riegler), Foyer // Karl Marx (Gerhard Balluch), Foyer, 3. Rang // Evita (Silvana Veit), Gästegarderobe
16.30 bis 16.45 Uhr, MANN IM AUFZUG mit Raphael Muff, Aufzug HAUS ZWEI
16.30 bis 16.45 Uhr, COBAIN mit Florian Köhler, Kantine
16.30 bis 17 Uhr, KINDERGESCHICHTE „Struwwelpeter“ mit Sarah Sophia Meyer, Salon, 1. Rang

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WIDERSTAND ZWECKLOS!?

Wege in die Spielzeit zwischen Tradition und Revolution, am 9. September ab 16 Uhr

Die Spielzeit 2016.2017 am Schauspielhaus Graz beginnt! Der Startschuss für die neue Saison fällt am 9. September mit dem Eröffnungsfest WIDERSTAND ZWECKLOS!?

Gestartet wird mit einem Flashmob vom Hauptplatz zum Schauspielhaus um 15.30 Uhr – Mitsingen der Revolutionslieder gewünscht!

BÜHNENSHOWS
Die Bühnenshows um 16 und 19 Uhr halten so manchen technischen Bühnenzauber bereit und geben Einblick in Produktionen der kommenden Saison.

OPEN HOUSE bei freiem Eintritt
Von 16.30 Uhr bis 19 Uhr erwartet Theater-Liebhaber*innen auf allen Bühnen, in den Foyers und rund ums Schauspielhaus ein buntes Treiben: als „Living Statues“ begegnen nicht nur Danton, Robespierre, Evita und Margarete Thatcher, daneben kann man sich der Paartherapie von und mit Margarethe Tiesel und Franz Solar unterziehen („Die Wunderübung“), Kurt Cobain und Peter Rosegger treffen in der Kantine aufeinander, bei einem geführten Rundgang erhält man Einblicke hinter den Bühnenzauber oder bei der Requisitenschau kann man „Sterben für Anfänger“ lernen! Außerdem: Speed-Dating und „Yellow-Line“-Schauprobe.

Für die kleineren Besucher*innen gibt es außerdem wieder eine Hüpfburg, Kinderschminken, Kinderlesungen und jede Menge Zuckerwatte.

BIG PARTY AUF DER BÜHNE
Im Anschluss an die zweite Bühnenshow werden Bands und DJs der tanzwütigen Menge bei der „Big Party“ einheizen – und das direkt auf der Bühne des Schauspielhauses und bei freiem Eintritt!
Es spielen: „Ennos“ (Silvana Veit und Band), „Sandala Orkestar“ und die „SOULbRÜDER“ legen auf.

Der Eintritt zum Fest und zu den Konzerten am Abend ist frei!