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Waldbauernbub in Schräglage

Im Rahmen des DRAMATIKER|INNENFESTIVAL kehrt am 9. Juni die Uraufführung „Die Neigung des Peter Rosegger“ für einen Abend ins Schauspielhaus zurück: Autor Thomas Arzt thematisiert dabei mit ironischem Augenzwinkern das Verhältnis von Weltoffenheit und Heimatverbundenheit.

„Ein Abend, der Lust auf mehr Arbeiten des Autors macht“, zeigte sich die APA nach der Premiere im Herbst 2016 begeistert.

Wie sieht sie aus, die Heimat, die wir wollen?

Am nächsten Tag, dem 10. Juni, gibt es zum Thema „Heimat“ interessante Podiumsgespräche in HAUS EINS: Unter dem Motto „My Own Private Nation. Gespräche über Heimat“ finden um 12.00, um 14.00 sowie um 16.00 Uhr drei Podiumsdiskussionen mit hochkarätigen Gesprächsteilnehmer*innen (u. a. Autor Thomas Arzt) statt.

Die Neigung des Peter Rosegger“ am 9. Juni, 20.00 Uhr, HAUS EINS

Podiumsgespräche am 10. Juni, 12.00, 14.00 sowie 16.00 Uhr, HAUS EINS

 

„HEIMAT BEI ROSEGGER UND HEUTE“

Podiumsdiskussion am 1. Dezember im Anschluss an die (vorerst) letzte Vorstellung von „Die Neigung des Peter Rosegger“ (ca. 21.00 Uhr), SALON, 1. RANG

Heimat emotionalisiert. Heimat politisiert. Heimat spaltet. Rund um das Theaterstück „Die Neigung des Peter Rosegger“, in dem fanatische Heimatliebe zu einer bedrohlichen Schieflage führt, öffnet sich das Schauspielhaus Graz für eine ambivalente Diskussion – kurz vor der Präsidentschaftswahl, die den Heimatbegriff von linker und rechter politischer Seite umkämpft. Es gilt auszuloten, was es denn heute bedeutet, beheimatet zu sein. Wo Selbstschutz endet und Verblendung beginnt. Wofür der Heimatbegriff alles geradestehen muss. Und ob denn tatsächlich in Gefahr ist, was wir als Heimat bezeichnen.

MIT Thomas Arzt (Autor), Christa Zöchling (Journalistin Profil Und Autorin), Dr. Wolfgang Hölzl (Rosegger-Experte, Geschäftsführer Leykam Buchverlagsgesellschaft) u.a.

Zum Stück:

Eine Kleinstadt in der österreichischen Provinz ist in Aufruhr. Die Statue des Heimatdichters Peter Rosegger, das Prunkstück der Gemeinde, neigt sich neuerdings immer mehr seitwärts. Und obwohl die Vorstadtbewohner das nahende Unheil nicht wahrhaben wollen, wird bald klar: Irgendetwas liegt im Argen und der Vorzeigebürger Wiesinger steckt mittendrin.

Auszüge aus den Pressestimmen zu „Die Neigung des Peter Rosegger“

„Arzt hat ein kompaktes Stück vorgelegt, in dem der umstrittene Mythos des Heimatdichters als Schablone dient. Auf ihr werden Nationalismus, Fremdenhass, persönliche Befindlichkeiten, Komplexe und der diffuse Heimatbegriff, den so viele gefährdet sehen, mit Wortwitz verhandelt. […] Arzt hat seine Figuren vielschichtig gebaut. Vor allem Florian Köhler kann aus dieser Vorlage viel machen: Er spielt den Erben eines Familienunternehmens, der immer alles richtig machen wollte, aber dem SS-Opa zu viel geglaubt hat und sein Heil in Rosegger-Romantik sucht, mit einem dezenten irren Flackern im Auge. […] Die besorgten Bürger und auch die frustrierte Stadtarchivarin, mit der Henriette Blumenau eine wunderbare amouröse Gegenspielerin Wiesingers gibt, werden von Arzt mitleidslos beschrieben, aber nicht vorgeführt.“ (Colette Schmidt, Der Standard, 16. September 2016)

„Als psychisch angeknackster Unternehmer brilliert Florian Köhler, der eine ganze Bandbreite von unauffällig-beflissen bis radikal-aufbegehrend zeigen darf. Evamaria Salcher gibt die genervte, aber sympathische Bürgermeisterin, ein besonderes Glanzstück liefert Henriette Blumenau als etwas neurotische Archivarin. Die „Stimme des unzufriedenen Volkes“ übernimmt Susanne Konstanze Weber (Angestellte), die den Tod ihres geliebten Hundes den Flüchtlingen anlastet. Nico Link überzeugt als versoffener, aber letztlich als einziger klar denkender Arbeiter, und Franz Xaver Zach gibt den kryptischen Seismologen, der auch nicht mehr weiß als die anderen. Ein Abend, der […] Lust auf mehr Arbeiten des Autors macht.“ (Karin Zehetleitner, www.tt.com, APA, 16. September 2016)

„Die Uraufführung dieses Schauspiels am Donnerstag in Graz bestätigt, dass Thomas Arzt mit heiklen Themen schonungslos, aber unverkrampft umgehen kann, dass er dem Volk sprachgewitzt aufs Maul schaut. […] Im Mittelpunkt steht der von Florian Köhler mit Feuereifer gespielte Bauunternehmer Paul Wiesinger, für den das Rosegger-Denkmal zum Lebensmittelpunkt geworden ist. […] Glänzend ist Henriette Blumenau als schrullige Archivarin Trost. Auch dieser Name spricht für sich. Bei Frau Trost sucht Herr Wiesinger in Literaturstunden Aufklärung und Erbauung zu Rosegger, aber auch ein bisschen Trost in allen seinen Neurosen – und am Ende sogar Liebe.“ (Norbert Mayer, Die Presse, 17. September 2016)

„Die wachsende Unsicherheit und den damit verbundenen Rechtsruck thematisiert Thomas Arzt vielschichtig und humorvoll in seinem Stück „Die Neigung des Peter Rosegger“. […] Bei Arzt gibt es kein Schwarz und Weiß, sondern die unendlich vielen Grautöne dazwischen, seine Methode ist nicht das Anprangern, vielmehr ein durchaus subtiles Warnen vor Nationalismus und Radikalisierung. […] Einmal mehr eine Freude sind die Schauspieler, allen voran Florian Köhler als Bauunternehmer Wiesinger mit Nazi- Familienvergangenheit und Henriette Blumenau als Archivarin, Frau Magister Trost. Aber auch Evamaria Salcher als Bürgermeisterin und Niko Link als Arbeiter überzeugen. Susanne Konstanze Weber lässt dunkle Seiten sehen und Franz Xaver Zach versucht sich als Seismologe in Ursachenforschung.“ (Michaela Reichart, Kronen Zeitung, 17. September 2016)

„Der Text des sprachlich potenten Schlierbachers [Thomas Arzt] ist eine launige bis anarchische Erörterung des Heimatbegriffs, verwebt aktuelle Gesellschaftspolitik mit germanistischen Erörterungen über die Ambivalenz des steirischen Heimatdichters aus der Waldheimat. Die Story rund um (klein)bürgerliche Verhaltensmuster in der Provinz hat eine starke weiß-grüne Schlagseite und stellt – um eine Vokabel aus der Fußballersprache zu verwenden – eine Steilpassvorlage dar. […] Thomas Arzt, der sich mit „Grillenparz“, „Johnny Breitwieser“, und „Totes Gebirge“ einen Namen gemacht hat, unterstreicht mit „Die Neigung des Peter Rosegger“ sein Gespür für Themen und sein Talent für eine einprägsame Kunstsprache. […] Jenseits der geheimnisvollen urbanen Erschütterungen lässt Arzt Original-Rosegger-Zitate, eine skurrile Lovestory und etliche Stimmen des Volkes einfließen. Florian Köhler lotet die vertrackten Lebensrealitäten des Vorzeigebürgers Wiesinger mit Erfolg aus, Henriette Blumenau ist die köstlich schrille Archivarin Trost. Viel zustimmender Beifall.“ (Martin Behr, Salzburger Nachrichten, 17. September 2016)

ZEHN VERSUCHE ÜBER HEIMAT ZU SPRECHEN

von Thomas Arzt

1. Heimat ist ein fürchterliches Übersetzungsproblem. Weil das Deutsche eine Unübersetzbarkeit ins Wort hineingeschrieben hat, sodass mich die Übersetzerinnen und Übersetzer meiner Theaterstücke in einer Verzweiflung immer erneut darüber ausfragen, was denn genau damit gemeint sei, mit meiner Heimat. Denn es gäb zwar dieses oder jenes Wort, das für eine Umschreibung der Bedeutung in Frage käm,aber die Figuren in den Stücken, die da das Wort in den Mund nehmen, scheinen von vielen Worten gleichzeitig zu sprechen. Ein ganzes Lexikon an Unbestimmbarkeiten also, in einem Wort gefangen. Da sitz ich dann immer recht ratlos davor, vor der Frage nach der Heimatbedeutung, und, weil ich mir nicht zu helfen weiß, frag ich ganz sacht es selbst, das Wort nämlich. Hörst, Heimatwort, frag ich vorm Bildschirm am Schreibtisch, was bist denn jetzt? Und anfangs bin ich eher schüchtern, zurückhaltend im Fragen, weil ich will ihm ja nicht auf die Füß, dem Wort von der Heimat. Da schweigt’s mich an und ich frag erneut. Und wieder und wieder, bis ich ungehaltener und fester, fast zornig bin, und ich schrei dann schon rein, in das Wort, es soll doch mal endlich deutlich sagen, was es jetzt sei: ein Haus? ein Ort? eine Herkunft? eine Natur? eine Kultur? ein Bild? ein Beziehungsgeflecht voll von Emotion, Erinnerung und Nostalgie? oder doch nur eine Lüge? Und ich spuck schon drauf, der Bildschirm am Schreibtisch beschmiert, aber das Wort bleibt stumm. Ist trotzig, dumm und hochnäsig. Das war ja immer so meine erste Vermutung, die Hochnäsigkeit drin, in der Heimat, aber je mehr ich dann im Stillen sitz, ohne Antwort, und das Wort mich immer noch anschaut, desto mehr wird mir klar: das Schweigen kommt aus der Furcht heraus. Es scheint ein Wort zu sein, dass sich vor der Übersetzung, der Überführung also, vor der sprachlichen Verschiebung ins Fremde fürchtet. Ein Furchtwort, die Heimat. So steht’s nun klar, das Heimatwort, vor mir. Als eine feige Sau. Und ich schreib, sorry, zu meinen Übersetzerinnen und Übersetzern meiner Theaterstücke, sorry, aber der ist nicht zu helfen, der Heimat. Sie hat sich in sich selbst verkrochen. Vielleicht hilft Abwarten und gut zureden.

2. Die Heimat ist eine Rampensau. Ein Wort, das sich nicht zu schad ist, zum Selbstverkauf, zur Ausgestelltheit, zur Massenvereinnahmung. Verplakatiert und verschlagzeilt. Verökonomisiert und vereinnahmt. Und vor allem ein Wort, das die Vorrangstellung liebt, sodass die meisten Komposita auch die Heimat an den Beginn stellen. So ist’s keine Gefühlsheimat, sondern ein Heimatgefühl. Keine Urlaubsheimat, sondern ein Heimaturlaub. Keine Kunstheimat, sondern eine Heimatkunst. Ich würd sie ja gern haben, echt, die Liebesheimat etwa, oder die Gedankenheimat, Sprachheimat, Schutzheimat, Beschmutzungsheimat, Pflegeheimat, Stückheimat. Nur gehen diese Worte unter, werden schwach, oft vergessen, auch sinnlos, neben der Heimatsprache, dem Heimatgedanken, der Heimatliebe, auch neben Heimatschutz, Heimatbeschmutzung, Heimatpflege und Heimatstück. Schad, denk ich, dass sie sich der Liebenswürdigkeit entzieht, weil sie so herausgeputzt und vorgedrängt sich hat. Und weiter denk ich, manchmal würd’s schon helfen, die Dinge einfach umzudrehen. Auf den Kopf zu stellen. Großartiges käm zum Vorschein. Verunmöglichtes erhielt eine Sprache. Wenn nicht immer das bereits Gesagte wiederholt da steht. Eine Heimat, die aus dem Rampenlicht träte, wär mir also lieber.

3. Heimat ist die Gesamtheit des unendlich Banalen. Da wird auch das Scheißtrümmerl eines Rehbocks zum Heimatgefühl. Oder die Kuhflade des Bioheumilchkalbs, die da, wenn auch im deftigen Gestank, mit einer regionalen Nachhaltigkeit daherkommt. Auch die geschmacklose Hässlichkeit der Wandtapezierung aus vergilbter Kindheit löst verklärte Euphorie aus, wie es auch das vehemente Gefluche eines genervten Touristen im Ausland tut, der in rüder Reminiszenz an seine überschaubar geordnete Herkunft ins Chaos einer ostasiatischen oder südamerikanischen oder nordafrikanischen Metropole ein beherztes „Heast Oida, geht’s scheißen!“ loslässt. Da freut sich der ebenfalls genervte Leidensgenosse im fremdländischen Chaos, sagt hallo zum Heimatverbündeten und fragt freilich nach der genauen Region der Herkunft, weil nur wenn wo Österreich draufsteht, heißt das noch lang nix! Die Heimat ist ein Areal der kleinstmöglichen Bestimmbarkeit des Herkünftigen, da macht’s einen enormen Unterschied, ob Neusiedlersee oder Bodensee, ob Pongau oder Lungau, ob Ötztal oder Zillertal, ob Hofern, Hausmanning oder Haselböckau. Ja, weil welches Grätzel es ist, wo du deine Grillwürstel auf den Rost haust und das Schweinsbratl einfettest, macht dich erst erkennbar und also bestimmbar und also identifizierbar, als ein Dasieger oder Hiesiger oder eben nicht. Die Heimatidentität ist also eine Summe belangloser Alltagszufälligkeiten, die erst in der Gesamtkonstruktion ihre Bedeutsamkeit erhalten. Was durchaus nicht unvorteilhaft ist, sonst würd ja ein jeder auch nach dem Scheißtrümmerl vor der Haustür stinken, wenn er sagt, seine Heimat sei Österreich.

4. Heimat ist die lächerliche Vorfreude auf das Spiel der eigenen Mannschaft, ist das jämmerliche Zittern während der ersten Spielminuten, ist der unangebracht euphorische Jubel nach dem Tor, ist die kollektiv zelebrierte, katastrophale Niedergeschlagenheit danach, ist das Gefühl, dass wir alle zusammen im selben Stadion weinen, im selben Bierzelt, vorm selben Fernsehkastel im Garten, und dabei das Leder, das wir fiebrig verfolgten, nun letztlich verfluchen. Ist das Gefühl, dass selbst der Trauer, dem Frust und der Ernüchterung eine verbindende Lebensqualität innewohnt, nämlich jene des lustvollen Pessimismus oder destruktiven Nihilismus oder schlicht des schwarzen Humors vorm freudigen Untergang. Ist dann endlich auch wieder die gemeinsame Beschwörung des einen, singulären Punktes im Verlauf des Geschichtlichen, von dem wir ausgehen, dass wir damals eine Weltmacht gewesen wären, also entweder Sissi oder Córdoba.

5. Heimat ist ein Zustand des Aufgehobenseins. Denn wenn der Mensch zur Welt kommt, dann wär’s ansonst ein Fallen, auf den Boden, würd da keiner oder nichts auch sein, das einen hält, und heraufhebt. Und das sind also zuallererst die Hände, die Heimat, die aus dem Herausfallen ein Halten machen. Ein Halt also, die Heimat, der dir das Überleben erst ermöglicht. Weil wer fallengelassen und übersehen auf dem Boden der Tatsächlichkeit rumliegt, ist in Gefahr. Existentiell. Wer aber in der Heimathand dann sich im Halt befindet, sich allzu sehr einrichtet darin, in diesem Nest des Glückseligen, und nicht mehr bemerkt, wie sehr das Tatsächliche unten drunter und herum um ihn weiterexistiert, der nur mehr also in einer Unwirklichkeit, nenn’s auch Abgeschottetheit, nenn’s auch heimeligen Lüge lebt, ist ebenfalls in Gefahr, nämlich nicht unwirklich, abgeschottet und verlogen, sondern tatsächlich existentiell. Denn dann gibt’s eine Existenzzerstörung von Innen heraus. Dann erdrückt die Heimathand, nimmt dir die Luft, nimmt dir die Freiheit. Heimat also ist ein Zustand des Aufgehobenseins in geglückter Schwebe zwischen Vertrautheit und Fremdheit.

6. Heimat ist ein Aufruf zur Selbstverortung. Es heißt, du weißt nicht, wer du bist, wenn du keine Heimat hättest. Gib dir einen Ort in der Welt! Der ist aber nur dann in der Welt, der Ort, wenn er sich in ein Verhältnis setzt, zur Welt. Ein Punkt im Nirgendwo also, ohne Welt, ist keine Heimat, das ist nur ein Punkt im Nirgendwo. Ich gehe verloren in einem Nirgendwo. Ich brauche den Bezug, und also wird der Heimatpunkt zu einem Geflecht mit anderen Punkten. Die Selbstverortung ist kein Spiel für Egoisten. Ich muss den anderen sehen, um zu wissen, wo ich steh. Alles andere nennt man Blindheit. Gefragt ist also, um daheim zu sein, das Sehen des Fremden am Bahnsteig, auf Autobahnen, in Zügen. Gefragt ist, um zuhause zu sein, die Irritation von Schweiß und Gestank der Herumirrenden, weil sie dran erinnern, in ihrem Irren, dass dein Ort ein Glücksfall ist, der dich zum Erkennen der Welt veranlassen sollt. Gefragt ist zuletzt auch die Erkenntnis des Scheiterns einer Heimat, weil die Welt sich verändert und den Heimatpunkt ordentlich herumtreibt, vor die Herausforderung der Weltteilnahme stellt, und das kann weh tun. Einen punktuellen Wohlstand aufzugeben, um erst mal wieder in eine neue Position zu kommen, die dich neu zu dir finden lässt. Das ist, bei aller Schwere, gefragt. Eine permanente Neuerfindung, deine Heimat, also.

7. Die Heimat ist eine verstörte Seelenlandschaft. Und das nicht erst seit Freud. Die Störungen des Bewussten durchs Unbewusste waren ja schon davor auch da, nur hat das Wort dazu gefehlt. Die Abgründe, etwa die Dunkelheit, die Grausamkeit, die Gewalt, die da hereinbricht, wo’s doch grad so unbekümmert und überschaubar wär, das hat ja schon die Erzählwelt des Mündlichen gekannt: die Kehrseite des Waldes, die Ungebändigtheit des Unwetters am Berg. Keine Heimaterzählung kommt aus, ohne die Bedrohung der Heimat, die immer scheinbar von außen kommt, aber letztlich doch der Zerrspiegel des verborgenen Innen ist. Wenn die Heimat das ist, was wir in uns tragen, dann ist sie eben auch das Fremde, das wir, runtergeschluckt, verdrängen wollen. Ein traumatisiertes Wort also, die Heimat. So braucht es eine permanente Verarbeitung, damit es aus den Schlupfwinkeln der Heimlichkeit in die Offenheit tritt. Denn sie will endlich auch in ihrer Vielgestalt erkannt sein. Sprecht über eure Ängste! Sie wurzeln in euch selbst! Je mehr wir also verdrängen, desto schlimmer beutelt uns der Alptraum. Der neue Nationalismus, der überall im Namen der Heimat geführt wird, ist also schlicht nur die neurotische Verstörung Europas durch sich selbst.

8. Heimat ist das Ablegen der eigenen Begrenztheit. Die dann eintritt, wenn du bei dir sein kannst: bei mir ist das der andere Mensch, der mich erst zu mir macht, der Raum, der entsteht, in der Annahme des Anderen. Bei mir ist es der Ort der Intimität, ist es der Moment der Verletzbarkeit, ist es die Ekstase der radikalen Vereinigung. Bei mir ist es der Flirt, das Wagnis, die Balancierung zwischen Abgründen des Menschlichen. Bei mir ist es auch das Vertrauen, die Verantwortung auch im Unmöglichen zusammenzustehen. Es ist der Schwindel, die Angst vor dem Fall. Das Springen, das Abheben. Der gemeinsame Flug über vermeintliche Verankerungen, Gefängnisse hinweg. Das Anschnallen, wenn alles bebt. Der Zuspruch: wir schaffen das. Die Suche von Händen, die sich finden. Der Blick hinunter, auf Länder, deren Grenzen dann lächerlich erscheinen, weil doch alles irgendwie zusammenhängt. Das Verlassen schließlich und das Wiederfinden.

9. Heimat ist gesellschaftliche Verwebung. Ist das Ineinanderlaufen von Biografien, Verschwimmen von Begegnungen, Vernetzung von Aussagen. Ist Gesellschaft in ihrer unerwartbarsten Dimension. Sie macht Lust, die Heimat, auf die Politik der möglichen Utopie.

10. Heimat ist der Versuch, auf dieser Welt nicht verloren zu gehen.

Waldheimat mit dem Rosegger-Team

 

Ein bisschen wandern, ein Stückchen Waldheimat, ein wenig raus aus dem Theater: Zur Recherche wurde das Team von „Die Neigung des Peter Rosegger“  von Herrn Obmann des Roseggerbund Waldheimat Krieglach zur Geburtsstätte von Peter Rosegger eingeladen. U. a. mit dabei: Autor Thomas Arzt, Regisseurin Nina Gühlstorff, Bühnen- und Kostümbildnerin Marouscha Levy, Komponist Marcus Weberhofer, das Ensemble Henriette Blumenau, Florian Köhler, Nico Link, Evamaria Salcher,
Susanne Konstanze Weber und Franz Xaver Zach sowie Intendantin Iris Laufenberg. Zu sehen ab 15. September

TLG: Welt sprechen

Der Programmpunkt Numero eins des zweiten Tages („Junge österreichische Dramatik heute“) zielte als Lesung und Diskussion auf zweierlei. Zum einen wurden aktuelle Texte von Ferdinand Schmalz, Gerhild Steinbuch, Miroslava Svolikova und Thomas Arzt vorgestellt. Zum anderen brachte das Gespräch mit Elisabeth Geyer (Dramaturgie Schauspielhaus) und Christian Mayer (freier Dramaturg) den Versuch einer allgemeineren Betrachtungsweise zutage. Also sowas wie: Was ist sie denn, wie tut sie denn, was braucht sie denn, diese junge österreichische Dramatik?

Sie tut. Aber sie zweifelt auch. In „der herzerlfresser“ von Herrn Schmalz lässt Protagonist Herbert verlauten: „Mit Worten lässt sich nichts über die Liebe sagen“. Und was schon von der Liebe gilt, das muss doch fürs Ganze der Welt in noch gesteigertem Maße gültig sein. Der Zweifel, ob sich denn mit Worten etwas über die Welt verlauten ließe, ob also die sogenannte Realität einen Platz im Theater haben könnte oder eine solche erst im sprachlichen Geschehen passiert, motiviert die unterschiedlichen Zugänge der vier jungen Dramatiker*innen zu ihrem Gewerbe. Diese Vorsicht gegenüber der Sprache im Wissen, „dass das, was gesagt wird, nicht immer das ist, was gemeint ist“ baut Gerhild Steinbuch in ihrem Text „Bessere Menschen“ aus zu einem Sprechfluss der die Rollen von Opfer und Täter miteinander verschmiert. Also die Zufälligkeiten in der jeweiligen Wortwahl eines Menschen herauszukitzeln versucht. Miroslava Svolikovas Text „die hockenden“, der 2015 mit dem Retzhofer Dramapreis ausgezeichnet wurde, übt demgegenüber ein allgemeines Sprechen. Die Situation des Stillstehens wird da mit allen assoziierten Ausformulierungen wie Gewalt, Hoffnungslosigkeit, Abgabe der Verantwortung ins Parabelhafte gesteigert.

Junge österreichische Dramatik tut also vieles. Besteht vor allem auch, jedenfalls im Kontext der Podiumsdiskussion, aus vier Einzelpositionen. Solche Einzelsequenzen an sprachlichem Material lässt Thomas Arzt in seinem Text „Zur schönen Ordnung“ hintereinander prallen. Auf eine möglicherweise bestehende formale Ähnlichkeit mit „Die letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus angesprochen, hat sich Arzt gegen die Idee ausgesprochen, wir stünden „in neuen letzten Tagen“. Ob uns also die Sprache immer schon „wie modrige Pilze“ im Mund zerfällt, oder ob sie dies erst seit dem Chandos-Brief von Hugo von Hofmannsthal tut (wo selbiges Zitat zu lesen steht), oder ob sie uns grade jetzt mehr denn je zerfallen täte, die vier geladenen Proponenten der jungen österreichischen Dramatik kommen über ihre jeweiligen Arbeitsweisen hinaus zu keinem Schluss. Dafür ich zu diesem.

von Theresa Luise Gindlstrasser

Der Spielplan im März

HAUS EINS: Uraufführung „Frequenzen“ nach dem Roman von Clemens J. Setz ab 12. März
Regisseur Alexander Eisenach bringt den mächtigen Roman des Grazer Autors Clemens J. Setz, „Die Frequenzen“, in einer eigenen Fassung auf die Bühne.
Zum Stück: Alexander Kerfuchs lebt in einem Zustand ständiger Verwirrtheit. Nicht nur, weil seine synästhetische Wahrnehmung in Frequenzbereiche vordringt, die anderen verborgen bleiben. Auch, weil er als Kind erleben musste, wie sein Vater im Keller einen Riss entdeckt und bald darauf die Familie verlässt. 700 Seiten später taucht der erwachsene Kerfuchs auf der zweiten Hochzeit des Vaters auf, mit jahrzehntelanger Wut im Bauch. Dazwischen passiert allerhand, aber eigentlich geht es nicht darum, die Geschichte stringent zu erzählen; es geht um die Geschichten zahlreicher Gestalten, die Kerfuchs‘ Leben in Graz kreuzen. Diesen Roman vollständig zu dramatisieren ist schlichtweg unmöglich, doch Setz hat der Regie eine „carte blanche“ gewährt und so wird, gesendet in den Frequenzbereichen des Theaters, eine neue Fassung entstehen, die sich auch mit Sinn und Unsinn von Romanadaptionen auseinandersetzen wird.
FREQUENZEN nach dem Roman von Clemens J. Setz, Uraufführung am 12. März, 19.30 Uhr, HAUS EINS
weitere Vorstellungen
am 15., 17. und 30. März, jeweils 19.30 Uhr, sowie ab April
Regie Alexander Eisenach Bühne Daniel Wollenzin Kostüme Claudia Irro Video rocafilm Licht Thomas Trummer Dramaturgie Karla Mäder
mit Vera Bommer, Jan Brunhoeber, Clemens Maria Riegler, Evamaria Salcher, Franz Xaver Zach

HAUS ZWEI: Verbrecherballade von Thomas Arzt „Johnny Breitwieser“ ab 31. März
Thomas Arzt hat die Legende des Wiener Einbrecher-Königs „Johnny Breitwieser“ dramatisiert – im Schauspielhaus ist die an die Dreigroschenoper angelehnte Ballade mit Musik von Maike Rosa Vogel in einer Inszenierung von Mathias Schönsee („Benefiz“) zu sehen.
Zum Stück: „Das Geld wächst in den Himmel, der Krieg liegt in der Luft, die Ratten warten im Dreck.“ Eine dieser vermeintlichen Ratten war Johann Breitwieser, der 1891 in der Wiener Vorstadt in miserable Verhältnisse geboren wird. Armut, Hunger, Kälte, Bettelei und Prostitution herrschen auf jenen Straßen, die schon bald sein Zuhause werden. So nimmt er, was er braucht. Aber nicht nur für sich: Er stiehlt von den Reichen und gibt den Armen. Ein „Einbrecherkönig“, ein Gesetzes- und Herzensbrecher, ein Robin Hood und Dandy – gefürchtet und mehr noch verehrt. Nach jahrelangem Katz- und Mausspiel mit der Polizei wird er im Alter von nur 28 Jahren auf der Flucht erschossen. Tausende – so die Legende – folgten seinem Leichenzug. Der junge österreichische Erfolgsautor Thomas Arzt hat ihm ein an Brecht geschultes Denkmal gesetzt und eine Verbrecherballade im Stil der „Dreigroschenoper“ geschaffen.
JOHNNY BREITWIESER Eine Verbrecherballade von Thomas Arzt, Premiere am 31. März, 20.00 Uhr, HAUS ZWEI
weitere Vorstellungen
ab April
Regie Mathias Schönsee Bühne Frank Holldack Kostüme Helke Hasse Musik Maike Rosa Vogel Dramaturgie Elisabeth Geyer
mit Veronika Glatzner, Florian Köhler, Nico Link, Raphael Muff, Julia Richter, Franz Solar, Silvana Veit

HAUS ZWEI: Solo „Ohner erzählt: Der Schatz im Silbersee“ ab 4. März
Nach „Jugend ohne Gott“ kommt eine weitere Koproduktion mit dem Vorstadttheater Graz ins HAUS ZWEI: In einem Solo erzählt Matthias Ohner den Karl May-Roman „Der Schatz im Silbersee“.
Zum Stück: Der alte Missouri Blenter behauptet zwar, dass „ein richtiger Mann solche Sachen lieber in sich hinein vergräbt, als dass er davon redet“, aber trotzdem erzählt Matthias Ohner. Nämlich von Old Firehand, Winnetou, Old Shatterhand und anderen Abenteurern im Wilden Westen. Karl May, der Sachse, der Amerika nie mit eigenen Augen gesehen hat, prägte für Generationen das Bild von Indianern, Westmännern, Tramps und Raftern. Die Erzählung vom „Schatz im Silbersee“ findet mit Dias, Tuba und großen Namen sowohl in HAUS ZWEI als auch im Gasthaus Postl im „Wilden Westen“ von Graz statt
OHNER ERZÄHLT: DER SCHATZ IM SILBERSEE Das Buch von Karl May, Premiere am 4. März, 20.00 Uhr, HAUS ZWEI
weitere Vorstellungen
am 10. und 16. März, jeweils 20.00 Uhr, sowie ab April
mit Matthias Ohner

HAUS DREI: Uraufführung der FOLGE 2 von „Vigyázat, Szomszéd! Vorsicht, Nachbar!“ am 11. März
In der zweiten der vier Folgen von „Vorsicht, Nachbar!“ von András Dömötör kommen in Österreich und Ungarn lebende Autorinnen und Autoren (Csaba Mikó und Csaba Székely sowie Pia Hierzegger und Volker Schmidt) zu Wort und nehmen mit Fantasie und viel Humor Stereotypen auseinander. Bilder von „Herr und Frau Österreicher“ bzw. „magyar úr és felesége“ werden mit viel Selbstironie und Fiktion einander gegenübergestellt.
weitere Vorstellung am 15. März, 20.30 Uhr
Idee und Realisation András Dömötör Dramaturgie Elisabeth Geyer, Ármin Szabó-Székely, Mihaly Nagy

EXTRAS

Am 5. März ist das Jazz-Trio Boalous mit einem Mix aus Eigenkompositionen, Klezmer- und Sevdah-Stücken sowie Musik der Emigrantinnen und Emigranten in HAUS DREI zu Gast.

The American Drama Group Europe kommt am 7. März mit dem Gastspiel „Frankenstein – The Monster And The Myth“ in englischer Sprache ins HAUS EINS.

Nikolaus Habjans „F. Zawrel – Erbbiologisch und sozial minderwertig“ ist am Karsamstag, 26. März, wieder in HAUS EINS zu sehen.

THEATERPÄDAGOGIK

Am 5. März lädt die Theaterpädagogik zu einem Spielsamstag zu „Der Sturm“. Eine Anmeldung für den inszenierungsvorbereitenden Workshop ist unter viola.novak@schauspielhaus-graz.com oder 0664/8185671 erforderlich.

 

Tickets & Infos unter www.schauspielhaus-graz.com oder 0316 8000 bzw. tickets@ticketzentrum.at

Foto (c) Paul Schirnhofer

Eröffnungsspektakel am Schauspielhaus

Die Irrfahrt von „Horvaths Gebeinen“, ein Wissenschaftler, der die Zeitlupe umkrempelt, die einzige Bewohnerin im zypriotischen Niemandsland oder das transatlantische Telefon, das plötzlich wieder klingelt: Diese und mehr Texte von insgesamt 14 Autorinnen und Autoren erwarten Sie am 12. September beim Eröffnungsfest „Grenzgänge“ auf vier Parcours quer durchs Schauspielhaus. Ab 22 Uhr heißt es BIG PARTY mit THE UPTOWN MONOTONES und den SOULbRÜDERN!

„Grenzgänge“ Eröffnungsfest mit 13 Uraufführungen
am Samstag, 12. September, 14 und 19 Uhr, Treffpunkt Freiheitsplatz
„Katerfrühstück“ mit Autorinnen und Autoren des Eröffnungsfestes
am Sonntag, 13. September, 12 Uhr, HAUS DREI

Außerdem zum Vormerken: Der Premierenreigen in HAUS EINS und HAUS ZWEI:

„Merlin oder Das wüste Land“ von Tankred Dorst und Ursula Ehler am 24. September, Beginn bereits um 19 Uhr, HAUS EINS
„Zersplittert“ von Alexandra Badea am 25. September, HAUS ZWEI
„Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1 & 2“ von Rimini Protokoll am 1. Oktober, HAUS EINS
„Idomeneus“ von Roland Schimmelpfennig am 4. Oktober, HAUS ZWEI
„Volpone oder Der Fuchs“ von Ben Jonson, Fassung von Stefan Zweig am 11. Oktober, HAUS ZWEI
„Ich würde alles für die Liebe tun, ich mach’s aber nicht“ eine Performance von und mit Julia Gräfner am 22. Oktober, HAUS ZWEI
„Cactus Land“ nach Motiven von Anthony Loyds „My War Gone By, I Miss It So“ am 24. Oktober, HAUS EINS